Ein totes Baeumchen fuer den Frieden

es gibt ja so viele organisationen hier, auslaendische und palaestinensische, die sich fuer eine friedliche und gewaltfreie loesung des konfliktes einsetzen und dafuer verschiedene events organisieren. eine palaestinensische ist z.b. "one voice palestine" (www.onevoicemovement.org).
eigentlich, so erzaehlte man mir als ich den job annahm, sollte es ein event mit jugendlichen werden, mit denen man in einem dorf nahe der green line olivenbaeume pflanzen wollte. ich sollte eine one-shot dokumentation (=ohne nachbearbeitung des materials im schnittraum)darueber drehen. habe mich schon gefreut, draussen sein, frische luft in den bergen, zwei stunden jugendliche bei einer guten tat filmen...

also bin ich mit den organisatoren von onevoice frueh morgens los gefahren. es war natuerlich hundekalt, tief haengende wolken, die die berge von judaea in nebel huellten und ueber alles einen feuchten schleier hingen. keine sicht, kein wetter zum drehen oder lange draussen aufhalten. trotz allem hab ich die fahrt genossen, vorbei an den baustellen fuer die mauer (die ist tatsaechlich immer noch nicht abgeschlossen, nun schon fast zwei jahre ueberfaellig - frage mich, ob der grasse zeitverzug auch an den vielen demos gegen die mauer liegt oder nur interne israelische probleme zu grunde liegen), durch die terrassenberge mit den silbrigen baeumen, ich kam mir vor wie in einem bergregenwald. durch kleine doerfer mit uralter bausubstanz und engen gassen, in denen kinder im dreck spielten und farmer mit ihrer hacke auf die felder zogen.

endlich angekommen, schien die sonne, die wolken aenderten sich von grau in weiss und blauer himmel kam zum vorschein. (ich glaube ueber ramallah liegt ein fluch, was das wetter angeht...) in einem fort der palaestinensischen sicherheitskraefte (welche auch immer) waren schon viele arabische fernsehsender in stellung gegangen, einige schlipstraeger und arabische clanchefs stolzierten herum und ein paar europaeische aktivisten. da kam mir die ganze sache auch schon spanisch vor. wenn die alternativen hippies und punks aus europa vor ort sind, heisst das immer, es wird eine groessere anti-israelische demo geben. diese ueber-pro-palaestinensischen freaks sind in manchen punkten schlimmer als jugendliche araber. ich hab zwar noch nie einen europaeer steine werfen sehen, im gegensatz zu arabischen jugendlichen, die eigentlich keine chance auslassen. aber die europaeischen aktivisten sind die, die die meute immer anstacheln, die immer die demos, "natuerlich gewaltfrei", organisieren, mit dem wissen, das wieder steine fliegen werden. es bringt doch wirklich nicht viel, eine meute arabischer jugendlicher, die nix zu verlieren haben, zusammen zu trommeln, um mit ihnen gegen die mauer zu marschieren und vor einem israelischen checkpoint einen sitzstreik abzuhalten und laute parolen zu schreien, bis die situation so weit aufgeheizt ist, das sie eskalieren muss. siehe bel 'in, jeden freitag... (ich habe 2005 darueber ausfuehrlich berichtet) erstens fehlt es der arabischen kultur schlicht an erfahrung fuer gewaltfreie demos und sitzstreiks nach europaeischem vorbild und zweitens erklaert auch niemand, dass kein stein fliegen soll, auch wenn die soldaten dann die sitzstreikenden "wegraeumt". und in europa bleiben ja die demos anarchistischer jugendlicher in der regel auch nicht gewaltfrei... um es vorweg zu nehmen, an diesem tag ist nur ein stein geflogen und ein schuss gefallen, dank des wirklich grossen einsatzes der onevoice mitarbeiter, die die arabischen jugendlichen und kinder von den israelis ferngehalten haben.
na jedenfals fuehlte ich mich nicht wirklich gut, angesichts der europaeischen anarchisten, die selber nie einen stein in die hand nehmen aber regelmaessig die israelischen soldaten zu einer reaktion zwingen und damit die gegenreaktion der araber provozieren. doch zunaechst war in einem nebenraum des forts eine heftige diskussion im gange: der vize-premier von palaestina war da und hat sich die sorgen und noete der dorfchefs angehoert und versucht die machtlosigkeit der palaestinensischen regierung gut aussehen zu lassen. erfolglos natuerlich konnte er immer wieder nur erwaehnen, das abu mazen alles in seiner macht stehende versucht, um die situation der farmer im einzugsgebiet des mauerbaus zu verbessern, und die seine macht eigentlich nur ein laues lueftchen ist. diszipliniert aber heftig und mit viel elan stritten sich die ehrenwerten anwesenden also ueber ein thema, das keiner im raum tatsaechlich beeinflussen kann.
und dann ging sie los, nicht die baeumchenpflanzaktion, sondern die demonstration durchs dorf bis zur zukuenftigen mauer, die zur zeit nur durch einen hohen stacheldrahtzaun mit starker militaerischer praesenz gekennzeichnet ist, und wieder einige haeuser des dorfes und viele felder vom dorfkern abtrennt. nur jugendliche araber, die besagten europaeischen aktivisten und vorneweg der vize und einige andere regierungsmitglieder und die onevoice-mitarbeiter, die das spektakel organisiert haben. laute parolen, viele palaestinensische flaggen und ein auto mit megafon vorneweg.
die eigentliche baeumchenpflanzung ging irgendwie ziemlich unter. nach heftigen brandreden vor dem israelischen militaer am sicherheitszaun, zerstreute sich die menge. einige der jugendlichen zogen in die berge und olivenhaine ringsherum, vielleicht wollten sie doch noch steine werfen, gut getarnt zwischen den baeumen, zumindest haben sie sich schon vermummt gehabt. nur ein paar regierungsmitglieder blieben noch, um endlich fuenf olivenbaeume medienwirksam zu pflanzen. kurz die hacke in den steinigen boden, fuenf zentimeter reichen schon, den baum rein, bissel mit dem fuss steine drauf schachen und weg. das wars, das keiner der setzlinge stehen geblieben ist, hat wohl niemanden interessiert. wasser gabs auch keins. halt, stimmt nicht, der vize hat ne kleine wasserflasche bekommen, er hat sie auch ausgetrunken. die leere plastikflasche liegt nun zusammen mit den setzlingen auf der roten steinigen erde.
eine stunde heftiges streiten ueber die machtlosigkeit, eine stunde demo vor dem filmenden israelischen militaer und fuenf minuten baeume in steinigen boden stecken und dem tod ueberlassen. ich weiss wirklich nicht, wem mit dieser aktion geholfen wurde. zumal die clanchefs und dorfaeltesten mit den antworten des vize sichtlich unzufrieden waren. na wenigstens hat ein regierungsmitglied sich die sorgen der dorfbewohner angehoert, auch wenn der regierung die probleme eh bekannt sind, weil in allen doerfern entlang der green line die selben.

nicht das ich falsch verstanden werde, ich schreibe hier so flaksig ueber elementare probleme der arabischen dorfbevoelkerung, deren gebiet und felder voelkerrechtswidrig (weil diesseits der green line, also zur westbank zugehoerig) durch die israelische regierung und das militaer einfach anekdiert wurden und dem israelischen staate einverleibt wurden. (die mauer wird ja an vielen stellen nicht entlang der greenline gebaut, sondern innerhalb der westbank, stellenweise bis zu 20 km, was verdammt viel ist, bedenkt man die geringe breite der westbank) ohne entschaedigung wurden diese menschen einfach enteignet und ihrer lebensgrundlage beraubt. und diese raubaktion fand ueber nacht statt. die menschen wollten morgens zu ihren feldern und standen ploetzlich vor den gewehrlaeufen von soldaten. und wen es noch schlimmer traf, waren die menschen, deren haeuser auf dem geraubten gebiet standen, denn sie mussten ueber nacht ploetzlich fliehen, nur mit dem, was sie fassen konnten. und nun stehen sie hinter dem stacheldrahtzaun und sehen zu, wie sich das israelische militaer und bauleute in ihren haeusern breit machen und ihre restliche habe aufteilen oder verbrennen. das alles passierte schon vor vielen monaten und jahren. und seit dem wandern sie regelmaessig zum zaun, bruellen ihre parolen und predigen ihren anspruch auf einen staat innerhalb der '68 grenzen - belaechelt und gefilmt vom israelischen militaer. routine - wie aussichtslos...

"RICO in the night" by Idiomsfilm