nach nun einem monat im dienste fuer eine aufstrebende filmindustrie in palaestina, wird es zeit, eine kurze zusammenfassung abzuliefern. eigentlich wuerde ja jetzt die erste rundmail rumgehen, vier seiten lang – da ich aber mit einigen im emailkontakt stehe, somit also oefter mal einen kreativen redeerguss habe, bin ich schon ein bischen ausgelaugt, was meine erzaehllust angeht…
ich moechte aber als erstes erwaehnen, das sich in ramallah die sicherheitslage extrem verbessert hat, im vergleich zum ersten halbjahr 2005. schiessereien sind hier nicht mehr taeglich, und wenn, dann sind es die ueblichen freudenschuesse anlaesslich einer hochzeit oder beerdigung. die letzte ernsthafte groessere auseinandersetzung war hier zwei tage nach meiner ankunft – ein erschossenes kind hat die gemueter hochkochen lassen und ein (vermeintlicher?) verraeter sollte gelyncht werden… die israelische armee hat sich zwar hier schon wieder mindestens zweimal blicken lassen seit ich da bin, um sich im schutze der dunkelheit ein oder zwei palaestinenser zu schnappen. schwer zu sagen, ob es nun wirklich verbrecher waren oder nur ein dorn im auge der militaers. auf jeden fall sind diese aktionen nach wie vor ein grund, sich aufzuregen. denn israel selbst hat ramallah unter 100%ige verwaltung der palaestinensischen autonomiebehoerde gestellt. und angesichts dessen, dass von ramallah keinerlei gefahr ausgeht, wegen der mauer, den neuen hochmodernen checkpoints rundherum und der tatsache, dass seit jahren kein selbstmordattentaeter mehr aus ramallah operierte, gehoeren diese israelischen zugriffe angeprangert. zumal die verschleppten palaestinenser nach wie vor ohne rechtsstaatlichen beistand in israelischen verliesen, verzeihung, ich meine hochsicherheitsgefaengnissen, landen. ein palaestinenser erzaehlte mir, wenn man von israelis gekascht wird und sie fragt wo man hinkommt, bekommt man zur antwort: “behind the sun!” und mal ganz im ernst, hinter die sonne, dort wo sie niemals scheinen wird, also mal universal gedacht – ich bin zwar offen fuer viele neue erfahrungen, aber da moechte ich nicht unbedingt hin... und ausserdem hat sich wie gesagt die sicherheitslage hier um vieles gebessert. und das ist mit sicherheit nicht den israelischen einsaetzen zu verdanken, sondern der massiven praesenz palaestinensischer sicherheitskraefte, die sich nicht mehr wie frueher gegenseitig beballern. 2005 standen sie noch meist an zentralen punkten der stadt herum, haben gelangweilt an ihren maschinengewehren gespielt und sich ansonsten um nix weiter gekuemmert. heute fahren sie streife durch die stadt, und zwar extrem haeufig. man begegnet staendig irgendwelchen uniformierten palaestinensern (blaue polizei, tarnfarbene presidential forces, schwarze oder olivgruene paramilitaers) in der ganzen stadt. nicht nur im auto, sondern auch zu fuss. all das ist neu. und neu ist auch, dass man auch mal uniformierte sieht, die keine waffe tragen. vor zwei jahren noch haette sich das niemand getraut, denn als uniformierter war man ein sicheres ziel fuer die radikalen, die diese regierung nicht akzeptierten. 2005 hat man auch nach sonnenuntergang mit sicherheit keinen der palaestinensischen sicherheitskraefte auf der strasse gesehen, zu gefaehrlich fuer sie. heute stehen sie sogar noch nach mitternacht herum, patrollieren, bewachen, fahren streife und sind praesent. also fuer alle, die 2005 noch unentschlossen waren: kommt her, ramallah ist heute auf jeden fall sicherer als die bronx. heute gelten nur noch nablus und gaza als fuer auslaender gefaehrlich. obwohl ich auch das relativieren moechte. aber dazu spaeter mehr...
also laufe ich jeden morgen, na sagen wir vormittag, eine halbe stunde von meiner terrasse in mein bewachtes buero. da ich auch groessere strassen benutze ist mein weg dabei oeffter von paramilitaers gesaeumt, die alle hundert meter in der sonne stehen und freundlich gruessen. gewoehnungsbeduerftig, aber das ist eben das neue sicherheitskonzept der neuen regierung. uebrigens bin ich jetzt auch zum ersten mal von palaestinensischen sicherheitskraeften angehalten wurden, weil ich meine kamera in der hand hatte und fotografierte. sowas haben die sich 2005 noch nicht getraut, einen auslaender auf offener strasse anzuhalten. zum glueck konnten sie die kamera nicht bedienen und ich habe leider nicht verstanden, dass ich meine bilder loeschen sollte. da sie ja alle paar meter stehen und ueber funk miteinander verbunden sind, hat mich auch alle paar meter ein bewaffneter angehalten und versucht mich zum loeschen meiner bilder zu bewegen. beim fuenften sicherheitsbeamten war dann meine batterie vom fotoapparat alle, so ein pech aber auch!
zwei bilder des anstosses:

ansonsten ist ramallah eben eine kleinstadt mit dem verkehrsaufkommen einer grossen. will damit sagen, das gefaehrlichste an ramallah ist nach wie vor die teilnahme an diesem. obwohl ich mittlerweile darin geuebt bin, und ich muss sagen, es macht spass. wenn man einmal die ungeschriebenen gesetze des strassengewusels durchblickt hat und weiss, wo sich die hupe im auto befindet, kann man sich zuegig und sicher im auto bewegen. nur keine angst haben loszufahren und fuer sich die vorfahrt zu deklarieren. das ramallah eine kleinstadt ist, merkt man daran, dass man staendig gegruesst wird und bekannte gesichter sieht. erstaunlich, wie viele menschen mich tatsaechlich wieder erkennen. eigentlich bin ich hier zu hause, moechte man angesichts dessen meinen. und so undurchsichtig einem am anfang das durcheinander der geschaefte, basare und shops erscheinen mag, so hat auch das seine ordnung. und ich weiss genau wo ich hinmuss, um etwas bestimmtes zu bekommen. wo man in europa in ein grosses kaufhaus geht und sich durch den plan ueber vier etagen kaempfen muss, gibt es hier bestimmte strassenzuege, in denen bestimmte geschaefte liegen. und auch wenn man manchmal von aussen nicht erkennt, was dieser laden anbietet oder ob das ueberhaupt ein geschaeft ist, kann man sich sicher sein, hier das zu bekommen, was man in dieser strasse eben bekommen sollte. ich erwaehne es immer wieder gerne: ramallah ist das land (oder zumindest die stadt) der unbegrenzten moeglichkeiten. auch wenn das angesichts der mauer und der checkpoints makaber klingen mag. die tatsache, dass hier alles und jeder korrupt ist, eroeffnet manchmal ungeahnte moeglichkeiten. und ich glaube nicht, dass ich mit meiner verallgemeinerung irgendjemanden auf den schlips trete, denn ich habe auch noch nie jemanden getroffen, der von sich das gegenteil behauptet. und korruption ist ja auch nicht ein mittel zur persoenlichen bereicherung, sondern blanke ueberlebensstrategie. wobei bei dieser aussage meine verallgemeinerung nicht ganz angebracht ist. betrachtet man die vielen schweren schlitten und limousinen, die hier umherfahren (auf jeden fall mehr als in deutschen staedten!), erkennt man schnell, dass es natuerlich auch viele gibt, die nur ihrer eigenen luxusvermehrung hinterherrennen. da sieht man eben, wer zugang zu geldern der weltbank, un oder eu hat... und auch ein uniformierter in einem gestohlenen auto erregt hier kein aufsehen. (gestohlene autos haben ein weisses nummernschild mit schwarzen zahlen – steuerbefreit in den ersten jahren, bevor man sich fuer ein regulaeres gruenes bewerben kann, mit denen man dann auch regulaer die israelischen checkpoints passieren darf, wenn man natuerlich noch die richtige persoenliche id hat)
eine kleinigkeit am rande, die mir noch aufgefallen ist: es wurden eine grosszahl an neuen ampeln in ramallah installiert. wirklich viele! beachtet werden sie natuerlich nur, wenn polizei in der naehe ist, aber sie sind da. ich frage mich wirklich, welcher buerokratische klugscheisser wieder auf die fabelhafte idee gekommen ist, erstmal neue ampeln fuer millionen von dollars zu installieren, anstatt erstmal lebenswichtigeres fuer den grundbedarf der menschen mit auslaendischem geld zu finanzieren. wurde diese idee wieder in bruessel erfunden? oder ist sie nur mittel zum zweck der geldwaesche gewesen, um eine weitere s-klasse auf ramallahs strassen zu schicken? bedenkt man aber, dass europas geld nur zweckgebunden in den palaestinensischen gebieten ankommt, liegt doch ein verdacht nahe...
Sicher ist's sicher
"17 forces"
