Bruderkrieg

ramallah kann solche heftigen stimmungsschwankungen an den tag legen, wie keine andere stadt die ich kenne. die gesamtstimmung auf den strassen, der ploetzliche wandel der beziehung der einheimischen zu auslaender jeder couleur, das gefuege in den beziehungen zwischen den palaestinensern, sichtbar im taeglichen leben auf den strassen und in den geschaeften.
waehrend meine politische ansicht den „staat“ palaestina betreffend eigentlich immer egal ist, also welcher partei ich eher zustimme, der hamas, der fatah oder den sozialisten, kann sie ploetzlich von immenser bedeutung sein. waehrend meine arabisch unkenntnisse kommentarlos akzeptiert werden, koennen sie ploetzlich ueber arabische gastfreundschaft oder abneigung entscheiden.
das wesen ramallahs, die seele der stadt ist ein multiples gebilde. normalerweise geht jeder seinem geschaeft nach, versucht sein geld zu vermehren und kuemmert sich um seine beziehungen und angelegenheiten. doch wenn irgendetwas aus der reihe tanzendes passiert, was unvorhergesehenes, sei es in verbindung mit einem feiertag/trauertag, sei es in verbindung mit der israelischen armee oder in verbindung mit gefechten zwischen palaestinensern, dann ist die stimmung der stadt, das feeling auf der strasse und in geschaeften, ploetzlich eine komplett andere. unangemeldet, ohne vorwarnung und schlagartig, von einer auf die andere sekunde, als ob man in ein anderes land oder eine andere stadt, in einen anderen kultur- und beziehungskreis geraten waere.

die ereigneisse in gaza werden natuerlich immer hier wahrgenommen, durch die medien natuerlich. sie werden diskutiert und besprochen. aber sie sind fern, unerreichbar fern, im wahrsten sinne des wortes. das heisst sie beeinflussen meistens nicht den lauf der dinge in ramallah. doch die heftigen auseinandersetzungen in gaza am montag, dienstag und mittwoch, zwischen hamas und fatah, haben die situation und das wesen ramallahs, zumindest fuer dienstag und mittwoch, heftig veraendert.

wenn es hier schiessereien gibt, also ich meine auseinandersetzungen, egal ob gegeneinander oder gegen die israelische armee, dann ist das normalerweise eine mg-salve, dann antwortet die andere seite mit ein paar salven drauf und je nach dem, kontert der erste nocheinmal mit ein paar salven und khalas. ne sache von unter einer minute. gestern gab es aber das erste gefecht, zumindest seit ich hier bin. die demo begann ca. 15 uhr („generalstreik“), als es dunkel wurde, gegen halb acht, waren die ersten schiessereien zu vernehmen und abends gegen neun wurde es heftiger. das gefecht dauerte ne gute halbe stunde. und es waren nicht nur einzelne salven, sondern ununterbrochener heftiger beschuss... auf al-jazeera liefen nebenher „breaking news“, live aus dem journalistenhaus in gaza, das unter beschuss stand. spaeter am abend liefen dann die bilder von den strassen gaza’s durch... die stadt hatte sich beeinflussen lassen, negativ beeinflussen lassen, von den ereignissen in gaza.

und jeder hier fragt sich, warum tun die das, jeder palaestinenser fragt sich das: „was geht hier ab, was laeuft falsch in dieser welt?“ zumal, zumindest in ramallah, sich die israelis nicht eingemischt hatten, es waren kaempfe zwischen hamas unf fatah, zwischen palaestinensern. anders als in gaza, wo die luftwaffe die unruhen „genutzt“ hat, um drei eigene raketen zu platzieren...

es ist nun das dritte, einfach krass andere gesicht von ramallah, nach dem „alltag“ und dem „aengstlichen“ („totes ramallah“). das gesicht das veraergert ist ueber die eigene welt, das gesicht das sich selbst ankotzt, das gesicht das einfach nur die schnauze voll hat, das „warum“ nicht mehr durchschauen kann und in selbstzerstoerung ueber geht. es ist schwierig, dieses ploetzliche „in eine andere welt versetzt werden“ in worte zu fassen, ich kann nur sagen, dass diese stimmungsschwankungen das leben beeinflussen, nicht nur das der einheimischen. die welt dreht sich ploetzlich anders, es liegt etwas in der luft, das man sich selbst nicht wirklich erklaehren kann. das muss nicht unbedingt beaengstigend sein, oder einschuechternd, aber es beeinflusst definitiv deine wahrnehmung, deine sensibilisierung und deine aufmerksamkeit und damit deine persoenliche stimmungslage...

wobei das alles jetzt ein bischen heftig klingen mag, moechte ich doch noch erwaehnen, dass die extremen phasen nie von langer dauer waren. und auch nur relativ gefaehrlich sind, da sich ja nur die stimmungsschwankungen ueber die ganze stadt ziehen, nicht aber die schiessereien. es ist zwar schwierig den ort der schiesserei zu lokalisieren, da sich die stadt ueber so viele huegel legt, wird der klang meist reflektiert von den steilen flanken und somit in die stadt getragen – in manche gegenden lauter, obwohl sie weiter entfernt sein koennen als tatsaechlich angrenzende, bei denen aber der sound nur leise ankommt. ich bin kein physiker, verruecktes phaenomen in dieser stadt, aber an der lautstaerke und der vermeintlichen richtung des klanges kann man sich nur wenig orientieren. man muss die menschen und autos auf der strasse als anhaltspunkt nehmen, ihren geschulten sinnen vertrauen, dann bewegt man sich genauso sicher wie sie selbst durch die stadt. und das krasse an der ganzen sache ist, nach ein paar normalen tagen ist die ganze geschichte wieder vergessen, keine erinnerung wehrt, versinkt die stadt wieder in dem charmanten strudel der arabischen geschaeftigkeit...
(17.5.07, 11 uhr ortszeit)

"RICO in the night" by Idiomsfilm