was ich nicht erwartet hatte reinzuschlittern, ist in die linke szene von israel. anarchos, antizionistische und antikapitalistische jugendliche und junge erwachsene, die hauptsaechlich im suedteil der stadt tel aviv anzutreffen sind.
der sueden tel aviv’s ist ansich ein schoenes fleckchen, wenn man sich in alternativen wohnvierteln wohlfuehlt. viele kuenstler, lebenskuenstler, eben viele linke und alternative versammelten sich dort und kreierten ein buntes stadtviertel, mit graffiti, teils heruntergekommenen aber auch teils selbst gestalteten haeusern, mit besetzten gebaeuden, vielen kneipen, cafes und szenetreffs, jugendclubs und partyflaechen. schraegen typen, bunten voegeln, punks und kreativen menschen begegnet man hier auf schritt und tritt. viele von ihnen sind muede ob des militarisierten staates von israel, mit seiner religioes ausgerichteten regierungspolitik, die juden bevorzugt und andere minderheiten benachteiligt. sie sind muede von religion, krieg, besatzung und dem unbedingten willen einiger anderer buerger, in dieser fuer sie feindlichen umwelt auf teufel komm raus existieren zu wollen, auch wenn sie eigentlich gar nicht in diese gegend passen und sich dieses land unrechtmaessig und nur militaerisch angeeignet haben. diese leute bereuen und schaemen sich teilweise dafuer, einen israelischen pass zu haben. sie schaemen sich, weil sie so teil einer gesellschaft sind, die auf ihrer armee aufgebaut ist, die seit ihrer zusammenwuerfelung in diesem landstrich nix anderes als krieg gefuehrt hat und die seit dem 1967er krieg keinen mehr gewonnen hat. sie schaemen sich fuer soviel leid mitverantwortlich zu sein, fuer so viele tote, vertriebene, gefangene und geschundene menschen. und sie bereuen es, weil ihnen der fakt der israelischen staatsbuergerschaft einen grossen teil der welt verschliesst (die gesamte arabische und die nordafrikanische)
fuer uns deutsche, die wir 10 oder 12 monate unseres lebens in einer kaserne verbracht haben, wo wir sport trieben und durch den wald robbten, nie auf menschen schiessen mussten oder gar in einen kampfeinsatz geschickt wurden, ja diese idee sogar gaenzlich unvorstellbar war, die wir jedes wochenende mit freunden im saufkoma verbrachten, oder die wir den (meiner meinung nach schwierigeren) weg des zivilen dienstes gingen ohne jemals auch nur in die naehe einer waffe gekommen zu sein – ja fuer uns entmilitarisierte deutsche ist es nur schwer vorstellbar, wie es ist, wenn man drei jahre (oder zwei fuer frauen) seines lebens in einer sich im krieg befindenden armee verbringen muss. wenn man bereits in der grundschule darauf hin getrimmt wird, eines tages sein leben fuers juedische vaterland zu opfern, auch wenn man kein jude ist. eines tages ins besetzte gebiet abgestellt zu werden, um andere menschen an ihrer weiterfahrt zu hindern. wenn man schon in der grundschule hoert, dass man spaeter im leben mal ein moerder werden wird, einer, der auf palaestinenser schiesst. wie fuehlt es sich an, wenn man in die pubertaet kommt, anfaengt ueber sich und das leben, den sinn des lebens und seinen platz in dieser welt nachzudenken und man vom staat die antwort bekommt, seinen platz als soldat zu sehen, zumindest fuer einen grossen teil seiner jugend. und jeder israeli hat in die armee zu gehen. und jeder soldat wird im zweiten jahr in die besetzten gebiete abgestellt. es gibt nicht die chance, einen anderen einsatzort zu waehlen, nur im inneren des staates israel zu dienen. es gibt nicht die chance, etwas gewaltloses und fuer die gesamte gesellschaft nuetzliches zu tun. armee oder knast – das ist die devise (fuer frauen gibt es noch die moeglichkeit schwanger zu werden, um vorzeitig aus dem militaerdienst entlassen zu werden...)
was ist das fuer ein start ins berufsleben, der mit einem aufenthalt in einem israelischen gefaengniss beginnt, weil man sich gegen die toetung von menschen entschieden hat. und dafuer den rest seines lebens als minderheit in der eigenen gesellschaft verbringt, als kriegsdienstverweigerer im wahrsten sinne des wortes, als verweigerer, den staat israel und seine besetzten gebiete militaerisch zu staerken. und man bewegt sich den rest seines lebens unter soldaten, ehemaligen, reservisten und veteranen, zu denen man nur auf dem papier gehoert. unter menschen, die alle im krieg waren, die alle geschossen haben, die alle in den besetzten gebieten stationiert waren – alle, jeder einzelne! der baecker nebenan, der kioskbesitzer, der busfahrer, der strassenkehrer. gut, genau genommen waren nicht alle dabei, denen man auf tel avivs strassen begegnet, denn die arabischen israelis werden natuerlich von der ehre, der am besten ausgeruesteten armee der welt anzugehoeren, ausgeschlossen. aber schon im nordteil der stadt, wo es keine araber mehr gibt und im grossen rest des landes sind es schlichtweg alle.
und so kaempfen viele der linken „aussteiger“ heute gegen den staat israel, gegen seine besetzungspolitik. sie organisieren und beteiligen sich an palaestinensischen demos in der westbank (obwohl es israelis bei gesetz verboten ist, die westbank zu betreten), sie setzten sich aktiv gegen die vertreibung der araber aus ihren haeusern im stammland israels ein, sie organisieren und gestalten ausstellungen, sie diskutieren und informieren ueber die „falschheit“, „arroganz“, „dummheit“ und „nutzlosigkeit“ der israelischen politik. Und sie proklamieren das ende des staates israel. nicht durch sabotage- und gewaltakte, sondern weil diese gesellschaft in sich nicht funktionieren kann, weil das bild eines religioesen staates heute veraltet ist und nicht funktionieren kann, weil diese gesellschaft nur das eine moment verbindet: die gleiche religion. und diese philosophie kann nicht gelingen. und weil dieser staat auf blut, tot und zerstoerung gebaut worden ist. heutzutage wuerden alle militarisierten laender ploetzlich von der karte verschwinden. keiner haette ende der 60er jahre geglaubt, die udssr wuerde anfang der 90er nicht mehr existieren...
frueher oder spaeter muesste die israelische armee auf israelische aktivisten und linkseingestellte buerger schiessen. teilweise tun sie es schon heute. mit rubber-bullets. aus der naehe koennen sie schnell toetlich sein und aus der ferne rufen sie schwere und schwerste verletzungen hervor, oft mit lebenslangen folgen. prozesse auf schadenersatz laufen, und erfolgreiche gab’s auch schon. und irgendwann wird der erste von ihnen toetlich getroffen werden. und irgendwann... irgendwann wuerde die israelische presse erschreckt aufrufen: juden toeten juden in israel. und die gesellschaft zersplittert endgueltig...
und so wird im suedteil tel avivs scherzhaft die abspaltung der stadt vom staat und die gruendung des stadtstaates „tel aviv“ forciert, versammeln sich intelektuelle, neu-reiche hippies, hardcore-globalisierungsgegner, ewige „weltverbesserer“, und einfach leute, die es satt haben tagtaeglich im krieg zu leben, es satt haben, hauptsaechlich meldungen ueber aktionen „ihrer“ armee in den news zu bekommen, seit sie lesen koennen. leute, die einfach ohne armee, soldaten, kriegserfolgen und –misserfolgen, gefallenenmeldungen und un-rechts-verstoessen ihrer regierungen leben wollen. und die linken und alternativen im sueden tel avivs geben noch 20 jahre, ueber’m daumen.
