Ein totes Baeumchen fuer den Frieden

es gibt ja so viele organisationen hier, auslaendische und palaestinensische, die sich fuer eine friedliche und gewaltfreie loesung des konfliktes einsetzen und dafuer verschiedene events organisieren. eine palaestinensische ist z.b. "one voice palestine" (www.onevoicemovement.org).
eigentlich, so erzaehlte man mir als ich den job annahm, sollte es ein event mit jugendlichen werden, mit denen man in einem dorf nahe der green line olivenbaeume pflanzen wollte. ich sollte eine one-shot dokumentation (=ohne nachbearbeitung des materials im schnittraum)darueber drehen. habe mich schon gefreut, draussen sein, frische luft in den bergen, zwei stunden jugendliche bei einer guten tat filmen...

also bin ich mit den organisatoren von onevoice frueh morgens los gefahren. es war natuerlich hundekalt, tief haengende wolken, die die berge von judaea in nebel huellten und ueber alles einen feuchten schleier hingen. keine sicht, kein wetter zum drehen oder lange draussen aufhalten. trotz allem hab ich die fahrt genossen, vorbei an den baustellen fuer die mauer (die ist tatsaechlich immer noch nicht abgeschlossen, nun schon fast zwei jahre ueberfaellig - frage mich, ob der grasse zeitverzug auch an den vielen demos gegen die mauer liegt oder nur interne israelische probleme zu grunde liegen), durch die terrassenberge mit den silbrigen baeumen, ich kam mir vor wie in einem bergregenwald. durch kleine doerfer mit uralter bausubstanz und engen gassen, in denen kinder im dreck spielten und farmer mit ihrer hacke auf die felder zogen.

endlich angekommen, schien die sonne, die wolken aenderten sich von grau in weiss und blauer himmel kam zum vorschein. (ich glaube ueber ramallah liegt ein fluch, was das wetter angeht...) in einem fort der palaestinensischen sicherheitskraefte (welche auch immer) waren schon viele arabische fernsehsender in stellung gegangen, einige schlipstraeger und arabische clanchefs stolzierten herum und ein paar europaeische aktivisten. da kam mir die ganze sache auch schon spanisch vor. wenn die alternativen hippies und punks aus europa vor ort sind, heisst das immer, es wird eine groessere anti-israelische demo geben. diese ueber-pro-palaestinensischen freaks sind in manchen punkten schlimmer als jugendliche araber. ich hab zwar noch nie einen europaeer steine werfen sehen, im gegensatz zu arabischen jugendlichen, die eigentlich keine chance auslassen. aber die europaeischen aktivisten sind die, die die meute immer anstacheln, die immer die demos, "natuerlich gewaltfrei", organisieren, mit dem wissen, das wieder steine fliegen werden. es bringt doch wirklich nicht viel, eine meute arabischer jugendlicher, die nix zu verlieren haben, zusammen zu trommeln, um mit ihnen gegen die mauer zu marschieren und vor einem israelischen checkpoint einen sitzstreik abzuhalten und laute parolen zu schreien, bis die situation so weit aufgeheizt ist, das sie eskalieren muss. siehe bel 'in, jeden freitag... (ich habe 2005 darueber ausfuehrlich berichtet) erstens fehlt es der arabischen kultur schlicht an erfahrung fuer gewaltfreie demos und sitzstreiks nach europaeischem vorbild und zweitens erklaert auch niemand, dass kein stein fliegen soll, auch wenn die soldaten dann die sitzstreikenden "wegraeumt". und in europa bleiben ja die demos anarchistischer jugendlicher in der regel auch nicht gewaltfrei... um es vorweg zu nehmen, an diesem tag ist nur ein stein geflogen und ein schuss gefallen, dank des wirklich grossen einsatzes der onevoice mitarbeiter, die die arabischen jugendlichen und kinder von den israelis ferngehalten haben.
na jedenfals fuehlte ich mich nicht wirklich gut, angesichts der europaeischen anarchisten, die selber nie einen stein in die hand nehmen aber regelmaessig die israelischen soldaten zu einer reaktion zwingen und damit die gegenreaktion der araber provozieren. doch zunaechst war in einem nebenraum des forts eine heftige diskussion im gange: der vize-premier von palaestina war da und hat sich die sorgen und noete der dorfchefs angehoert und versucht die machtlosigkeit der palaestinensischen regierung gut aussehen zu lassen. erfolglos natuerlich konnte er immer wieder nur erwaehnen, das abu mazen alles in seiner macht stehende versucht, um die situation der farmer im einzugsgebiet des mauerbaus zu verbessern, und die seine macht eigentlich nur ein laues lueftchen ist. diszipliniert aber heftig und mit viel elan stritten sich die ehrenwerten anwesenden also ueber ein thema, das keiner im raum tatsaechlich beeinflussen kann.
und dann ging sie los, nicht die baeumchenpflanzaktion, sondern die demonstration durchs dorf bis zur zukuenftigen mauer, die zur zeit nur durch einen hohen stacheldrahtzaun mit starker militaerischer praesenz gekennzeichnet ist, und wieder einige haeuser des dorfes und viele felder vom dorfkern abtrennt. nur jugendliche araber, die besagten europaeischen aktivisten und vorneweg der vize und einige andere regierungsmitglieder und die onevoice-mitarbeiter, die das spektakel organisiert haben. laute parolen, viele palaestinensische flaggen und ein auto mit megafon vorneweg.
die eigentliche baeumchenpflanzung ging irgendwie ziemlich unter. nach heftigen brandreden vor dem israelischen militaer am sicherheitszaun, zerstreute sich die menge. einige der jugendlichen zogen in die berge und olivenhaine ringsherum, vielleicht wollten sie doch noch steine werfen, gut getarnt zwischen den baeumen, zumindest haben sie sich schon vermummt gehabt. nur ein paar regierungsmitglieder blieben noch, um endlich fuenf olivenbaeume medienwirksam zu pflanzen. kurz die hacke in den steinigen boden, fuenf zentimeter reichen schon, den baum rein, bissel mit dem fuss steine drauf schachen und weg. das wars, das keiner der setzlinge stehen geblieben ist, hat wohl niemanden interessiert. wasser gabs auch keins. halt, stimmt nicht, der vize hat ne kleine wasserflasche bekommen, er hat sie auch ausgetrunken. die leere plastikflasche liegt nun zusammen mit den setzlingen auf der roten steinigen erde.
eine stunde heftiges streiten ueber die machtlosigkeit, eine stunde demo vor dem filmenden israelischen militaer und fuenf minuten baeume in steinigen boden stecken und dem tod ueberlassen. ich weiss wirklich nicht, wem mit dieser aktion geholfen wurde. zumal die clanchefs und dorfaeltesten mit den antworten des vize sichtlich unzufrieden waren. na wenigstens hat ein regierungsmitglied sich die sorgen der dorfbewohner angehoert, auch wenn der regierung die probleme eh bekannt sind, weil in allen doerfern entlang der green line die selben.

nicht das ich falsch verstanden werde, ich schreibe hier so flaksig ueber elementare probleme der arabischen dorfbevoelkerung, deren gebiet und felder voelkerrechtswidrig (weil diesseits der green line, also zur westbank zugehoerig) durch die israelische regierung und das militaer einfach anekdiert wurden und dem israelischen staate einverleibt wurden. (die mauer wird ja an vielen stellen nicht entlang der greenline gebaut, sondern innerhalb der westbank, stellenweise bis zu 20 km, was verdammt viel ist, bedenkt man die geringe breite der westbank) ohne entschaedigung wurden diese menschen einfach enteignet und ihrer lebensgrundlage beraubt. und diese raubaktion fand ueber nacht statt. die menschen wollten morgens zu ihren feldern und standen ploetzlich vor den gewehrlaeufen von soldaten. und wen es noch schlimmer traf, waren die menschen, deren haeuser auf dem geraubten gebiet standen, denn sie mussten ueber nacht ploetzlich fliehen, nur mit dem, was sie fassen konnten. und nun stehen sie hinter dem stacheldrahtzaun und sehen zu, wie sich das israelische militaer und bauleute in ihren haeusern breit machen und ihre restliche habe aufteilen oder verbrennen. das alles passierte schon vor vielen monaten und jahren. und seit dem wandern sie regelmaessig zum zaun, bruellen ihre parolen und predigen ihren anspruch auf einen staat innerhalb der '68 grenzen - belaechelt und gefilmt vom israelischen militaer. routine - wie aussichtslos...

Irgendwo

building area

car wash


houses

Nachschub

chief of visual department

mosque


street


women

Hier hagelt's wohl?

glaubt man's, da hat's doch hier, in einem land am mittelmeer, auf hoehe der typischen urlaubsreiseziele, wo sich palmen zu hause fuehlen und stachelgewaechse ein gutes auskommen haben, da hat's doch tatsaechlich hier gehagelt. jawohl, gehagelt, mitten im april, mit erbsengrossen eiskoernern, die nicht nur wehtaten, sondern auch die strassen binnen minuten in reissende fluesse und seen verwandelt haben...

20 min of raining
21 min of raining
22 min of raining
23 min of raining

Sicher ist's sicher

nach nun einem monat im dienste fuer eine aufstrebende filmindustrie in palaestina, wird es zeit, eine kurze zusammenfassung abzuliefern. eigentlich wuerde ja jetzt die erste rundmail rumgehen, vier seiten lang – da ich aber mit einigen im emailkontakt stehe, somit also oefter mal einen kreativen redeerguss habe, bin ich schon ein bischen ausgelaugt, was meine erzaehllust angeht…

ich moechte aber als erstes erwaehnen, das sich in ramallah die sicherheitslage extrem verbessert hat, im vergleich zum ersten halbjahr 2005. schiessereien sind hier nicht mehr taeglich, und wenn, dann sind es die ueblichen freudenschuesse anlaesslich einer hochzeit oder beerdigung. die letzte ernsthafte groessere auseinandersetzung war hier zwei tage nach meiner ankunft – ein erschossenes kind hat die gemueter hochkochen lassen und ein (vermeintlicher?) verraeter sollte gelyncht werden… die israelische armee hat sich zwar hier schon wieder mindestens zweimal blicken lassen seit ich da bin, um sich im schutze der dunkelheit ein oder zwei palaestinenser zu schnappen. schwer zu sagen, ob es nun wirklich verbrecher waren oder nur ein dorn im auge der militaers. auf jeden fall sind diese aktionen nach wie vor ein grund, sich aufzuregen. denn israel selbst hat ramallah unter 100%ige verwaltung der palaestinensischen autonomiebehoerde gestellt. und angesichts dessen, dass von ramallah keinerlei gefahr ausgeht, wegen der mauer, den neuen hochmodernen checkpoints rundherum und der tatsache, dass seit jahren kein selbstmordattentaeter mehr aus ramallah operierte, gehoeren diese israelischen zugriffe angeprangert. zumal die verschleppten palaestinenser nach wie vor ohne rechtsstaatlichen beistand in israelischen verliesen, verzeihung, ich meine hochsicherheitsgefaengnissen, landen. ein palaestinenser erzaehlte mir, wenn man von israelis gekascht wird und sie fragt wo man hinkommt, bekommt man zur antwort: “behind the sun!” und mal ganz im ernst, hinter die sonne, dort wo sie niemals scheinen wird, also mal universal gedacht – ich bin zwar offen fuer viele neue erfahrungen, aber da moechte ich nicht unbedingt hin... und ausserdem hat sich wie gesagt die sicherheitslage hier um vieles gebessert. und das ist mit sicherheit nicht den israelischen einsaetzen zu verdanken, sondern der massiven praesenz palaestinensischer sicherheitskraefte, die sich nicht mehr wie frueher gegenseitig beballern. 2005 standen sie noch meist an zentralen punkten der stadt herum, haben gelangweilt an ihren maschinengewehren gespielt und sich ansonsten um nix weiter gekuemmert. heute fahren sie streife durch die stadt, und zwar extrem haeufig. man begegnet staendig irgendwelchen uniformierten palaestinensern (blaue polizei, tarnfarbene presidential forces, schwarze oder olivgruene paramilitaers) in der ganzen stadt. nicht nur im auto, sondern auch zu fuss. all das ist neu. und neu ist auch, dass man auch mal uniformierte sieht, die keine waffe tragen. vor zwei jahren noch haette sich das niemand getraut, denn als uniformierter war man ein sicheres ziel fuer die radikalen, die diese regierung nicht akzeptierten. 2005 hat man auch nach sonnenuntergang mit sicherheit keinen der palaestinensischen sicherheitskraefte auf der strasse gesehen, zu gefaehrlich fuer sie. heute stehen sie sogar noch nach mitternacht herum, patrollieren, bewachen, fahren streife und sind praesent. also fuer alle, die 2005 noch unentschlossen waren: kommt her, ramallah ist heute auf jeden fall sicherer als die bronx. heute gelten nur noch nablus und gaza als fuer auslaender gefaehrlich. obwohl ich auch das relativieren moechte. aber dazu spaeter mehr...

also laufe ich jeden morgen, na sagen wir vormittag, eine halbe stunde von meiner terrasse in mein bewachtes buero. da ich auch groessere strassen benutze ist mein weg dabei oeffter von paramilitaers gesaeumt, die alle hundert meter in der sonne stehen und freundlich gruessen. gewoehnungsbeduerftig, aber das ist eben das neue sicherheitskonzept der neuen regierung. uebrigens bin ich jetzt auch zum ersten mal von palaestinensischen sicherheitskraeften angehalten wurden, weil ich meine kamera in der hand hatte und fotografierte. sowas haben die sich 2005 noch nicht getraut, einen auslaender auf offener strasse anzuhalten. zum glueck konnten sie die kamera nicht bedienen und ich habe leider nicht verstanden, dass ich meine bilder loeschen sollte. da sie ja alle paar meter stehen und ueber funk miteinander verbunden sind, hat mich auch alle paar meter ein bewaffneter angehalten und versucht mich zum loeschen meiner bilder zu bewegen. beim fuenften sicherheitsbeamten war dann meine batterie vom fotoapparat alle, so ein pech aber auch!

zwei bilder des anstosses:

"17 forces"

ansonsten ist ramallah eben eine kleinstadt mit dem verkehrsaufkommen einer grossen. will damit sagen, das gefaehrlichste an ramallah ist nach wie vor die teilnahme an diesem. obwohl ich mittlerweile darin geuebt bin, und ich muss sagen, es macht spass. wenn man einmal die ungeschriebenen gesetze des strassengewusels durchblickt hat und weiss, wo sich die hupe im auto befindet, kann man sich zuegig und sicher im auto bewegen. nur keine angst haben loszufahren und fuer sich die vorfahrt zu deklarieren. das ramallah eine kleinstadt ist, merkt man daran, dass man staendig gegruesst wird und bekannte gesichter sieht. erstaunlich, wie viele menschen mich tatsaechlich wieder erkennen. eigentlich bin ich hier zu hause, moechte man angesichts dessen meinen. und so undurchsichtig einem am anfang das durcheinander der geschaefte, basare und shops erscheinen mag, so hat auch das seine ordnung. und ich weiss genau wo ich hinmuss, um etwas bestimmtes zu bekommen. wo man in europa in ein grosses kaufhaus geht und sich durch den plan ueber vier etagen kaempfen muss, gibt es hier bestimmte strassenzuege, in denen bestimmte geschaefte liegen. und auch wenn man manchmal von aussen nicht erkennt, was dieser laden anbietet oder ob das ueberhaupt ein geschaeft ist, kann man sich sicher sein, hier das zu bekommen, was man in dieser strasse eben bekommen sollte. ich erwaehne es immer wieder gerne: ramallah ist das land (oder zumindest die stadt) der unbegrenzten moeglichkeiten. auch wenn das angesichts der mauer und der checkpoints makaber klingen mag. die tatsache, dass hier alles und jeder korrupt ist, eroeffnet manchmal ungeahnte moeglichkeiten. und ich glaube nicht, dass ich mit meiner verallgemeinerung irgendjemanden auf den schlips trete, denn ich habe auch noch nie jemanden getroffen, der von sich das gegenteil behauptet. und korruption ist ja auch nicht ein mittel zur persoenlichen bereicherung, sondern blanke ueberlebensstrategie. wobei bei dieser aussage meine verallgemeinerung nicht ganz angebracht ist. betrachtet man die vielen schweren schlitten und limousinen, die hier umherfahren (auf jeden fall mehr als in deutschen staedten!), erkennt man schnell, dass es natuerlich auch viele gibt, die nur ihrer eigenen luxusvermehrung hinterherrennen. da sieht man eben, wer zugang zu geldern der weltbank, un oder eu hat... und auch ein uniformierter in einem gestohlenen auto erregt hier kein aufsehen. (gestohlene autos haben ein weisses nummernschild mit schwarzen zahlen – steuerbefreit in den ersten jahren, bevor man sich fuer ein regulaeres gruenes bewerben kann, mit denen man dann auch regulaer die israelischen checkpoints passieren darf, wenn man natuerlich noch die richtige persoenliche id hat)

eine kleinigkeit am rande, die mir noch aufgefallen ist: es wurden eine grosszahl an neuen ampeln in ramallah installiert. wirklich viele! beachtet werden sie natuerlich nur, wenn polizei in der naehe ist, aber sie sind da. ich frage mich wirklich, welcher buerokratische klugscheisser wieder auf die fabelhafte idee gekommen ist, erstmal neue ampeln fuer millionen von dollars zu installieren, anstatt erstmal lebenswichtigeres fuer den grundbedarf der menschen mit auslaendischem geld zu finanzieren. wurde diese idee wieder in bruessel erfunden? oder ist sie nur mittel zum zweck der geldwaesche gewesen, um eine weitere s-klasse auf ramallahs strassen zu schicken? bedenkt man aber, dass europas geld nur zweckgebunden in den palaestinensischen gebieten ankommt, liegt doch ein verdacht nahe...

Was am laengsten waehrt...

build it up!

worker


vegetables

street-sweeper

Was laenger waehrt...

man obstructs the view
mary in move

smoking policeman

very old painting

Was lange waehrt...

so, nachdem ihr soooooo lange drauf warten musstet, gibts hier nun auch endlich ein paar erste visuelle eindruecke...

ramallah-view 01

ramallah-view 02

ramallah-view 03

goats 01


goats 02

Habe jetzt meine eigene Wohnung...

knirschen tut's unter mir. der korbsessel, in dem ich mehr liege als sitze, hat schon viele leute in einer bequemen position gewippt. die sonne kitzelt meine nase und laesst nur eine silhouette von den parabolspiegeln auf dem haus weiter unten am berg erahnen. es ist noch nicht fertig gebaut, das haus. durch die fensterloecher erstrahlt sich die untergehende sonne und gibt dem haus mit den parabolspieglen einen gelben anschein.
die weiten der kuestenebene, ganz hinten am horizont und halb verschlungen vom dampf der aufsteigenden salzigen luft des mittelmeeres, werden verschluckt von den hanganstiegen, auf denen sich die doerfer rund um ramallah durch hohe haeuser hervortun. fast koennte ich hier mit anlauf abspringen, den abhang vor mir entlanggleiten und, getragen von den dunstglocken vom meer, ueber die kurze ebene dahinschweben, um mich im mittelmeer zu erquicken. so nah scheint es und so nah ist es - und doch so fern, in einem anderen land.
drei bergzungen, mit engen und stufig in den hang geschnittenen taelern, schieben sich wie grosse wanderduenen aus steiniger erde richtung meer, richtung untergehender sonne. und auf der mittleren dieser bergzungen sitze ich. einst standen auf den stufen der flanken ins tal olivenbaeume, heute reihen sich fertige und halbfertige betonkloetzer in die hoehe, mit diffusen ecken und kanten.

auf der schmalen strassen vor meiner terrasse, auf der ich in meinem knirschenden stuhl sitze, steht ein langes gelbes auto. sechs tueren, drei auf jeder seite und ein taxischild obendrauf. eines von den selbst verlaengerten alten mercedes-limousinen. jetzt passen sieben leute rein, plus fahrer. doch dieses parkt. auf der vordersten sitzreihe, am steuer und daneben, sitzen zwei junge maedchen. laute popmusik, arabisch, schallt aus dem vehikel. mal raus aus dem gemeinschaftsraum ihrer wohnung, wo sie wenig zu melden haben, und ein bischen privatssphaere geniessen, die eigene musik hoeren koennen, in daddy's auto.
fuer mich vermischen sich die popklaenge mit den rufen der moscheen - zeit zum fuenften gebet des tages. leider nicht im takt zu den elektronischen baessen aus dem taxi vor mir.

trippeln eines balles auf betonfussboden. erst ab dem zweiten stockwerk ist dieses haus da hinten bewohnt. ganz unten stehen autos drunter und im ersten stock sind die fensterrahmen erleuchtet von kalten neonroehren. an den waenden haengt keine dekoration. kinder spielen fussball in diesem stockwerk, das nur eine trennwand zu haben scheint.

ja und neben meiner terrasse hat die wohnung, die ich nun bewohne, noch eine veranda, eine grosse kueche, bad, einen grossen salon und drei schlafzimmer (mit mir wohnen noch zwei junge deutsche frauen)
4. april 2007, gegen 19 uhr ortszeit

Sicherheit im Buero

das haus, in dem mein buero und das office von idiomsfilm ist, scheint das sicherste in ganz ramallah zu sein. nicht einmal die muquatta ist so sicher wie dieses kiswani-building. denn die muquatta zieht natuerlich die gegner der regierung und krachmacher des landes an, wie speck die maeuse. folglich geht es dort manchmal heiss und feurig her.
im kiswani-building befinden sich zwei weitere bueros. und in diesen residieren zwei generaele der fatah. der eine ist erster sicherheitsberater von abu mazen, also ein hohes tier in der regierung oder besser in der muquatta. und der zweite arbeitet in einem ministerium von palaestina. wie sie ihren generalstitel erlangt haben, was sie dafuer getan haben, kann sich ja jeder selbst ausmalen. in einem land, in dem es keine regulaere armee gibt, und die offizierstitel von den parteien und organisationen vergeben werden, fuer die der jeweilige kandidat kaempft, muss man also nur im sinne dieser gehandelt haben und verdienste erlangt haben.
der eine zumindest ist schon aelter, hat lichtes graues haar, mittlerweile einen (in deutschland wuerde ich sagen bier-) bauch, wovon auch immer und einen ungepflegten bart. (als fatahmitglied ist es aeusserst unwahrscheinlich, das dieser vom alk her stammt) der andere scheint dem alter nach seinen generalstitel in der ersten intifada erworben zu haben. nur vermutungen. heute sind sie schick gekleidet, schonmal mit krawatte und im anzug, ihre militaerische laufbahn sieht man ihnen wirklich nicht an.

jedenfalls, seit sie eingezogen sind, was nach meinem einzug passierte, haben wir von frueh bis spaet einen gelaendewagen der polizei vor der tuer stehen. vier insassen in uniform und mit kalaschnikows. bedenkt man, das schraeg gegenueber noch das justizministerium liegt, das natuerlich auch staendig von bewaffneten polizeieinheiten bewacht ist, kann man sagen, hier ist der bestbewachte ort der stadt. und gerade weil sie fatahmitglieder sind, ist die gefahr, das sie von widersachern angegriffen werden, verschwindend gering.

Merkels Tross

bevor ich an meinem stuhl anfriere (nach zwei schoenen tagen mit brennender sonne ist es wieder nass, kalt und stuermisch...), muss ich das hier noch loswerden:

da kommt heut morgen ein freund und kollege in mein buero gestuermt, ziemlich aufgeloest und sauer und beschwert sich ueber die ignoranten und arroganten deutschen journalisten. wie dumm, das ich ja auch dazu gehoere. in ziemlich hohen toenen und mit lautem organ schimpft er also drauf los, gleitet dabei immer mal wieder ins arabische ab, schimpft aber auch ganz geflissen auf englisch.
er arbeitet im media-office des praesidentenbueros von abu mazen (palaestinensischer praes. abbas) und ist dort verantwortlich fuer die praesentation, die der mitreisenden delegation eines jeden staatsgastes vorgefuehrt wird, waehrend die minister/kanzler/praesidenten mit abu mazen plaudern.
gestern nun war ja frau merkel da, und selbstverstaendlich mit ihr ein tross von journalisten, die uns deutsche dann auf dem laufenden halten ueber die reisen unserer kanzlerin. dieser journalistische anhang wird nun waehrend der vertraulichen gespraeche der staatsgaeste in einem separaten raum verpflegt. es gibt allerlei arabische spezialitaeten, suesses und kleine haeppchen, serviert mit tee, kaffee und wasser. und damit dem anhang nicht langweilig wird, und weil es ja immerhin journalisten sind, also neugierige, wissbegierige und informationshungrige menschen, wird ihnen eine praesentation ueber die aktuelle lage vorgefuehrt. allgemeine infos ueber den derzeitigen stand der dinge, die beziehungen, eben die aktuelle lage im land. eigentlich also fuer journalisten interessante fakten ueber das gegenwaertige ziel ihres staatschefs. klar, nicht unbedingt objektiv, sondern natuerlich beeinflussend, eben die sicht auf die dinge aus den augen der palaestinenser, aber eben fakten. und dafuer sind es ja journalisten, das sie sich daraus die relevanten notizen herausfischen und zu einem guten journalistischen text formulieren.
nicht aber der deutsche tross. unsere journalisten, so wetterte mein freund und kollege, haetten die praesentation nach kurzer zeit gestoert und verlangt, diese abzubrechen. man sei ja nicht hier, um die sicht der palaestinenser auf die dinge zu erfahren, sondern nur um ueber die befindlichkeiten unserer kanzlerin zu berichten. "nichteinmal die sonst so arroganten amerikaner haben sich das getraut. selbst die haben sich die praesentation angeschaut", beschwert er sich weiter.
mal davon abgesehen, dass sich ein die kanzlerin begleitender journalist auch fuer das gastland interessieren sollte, ist es einfach eine frage der hoeflichkeit, das programm im praesidentenbuero von abbas nicht mutwillig zu sabotieren. unsere journalisten haetten sich blos den bauch voll geschlagen und waeren nur zur anschliessenden pressekonferenz erschienen, um darueber zu berichten. und dann erhalten wir in deutschland wieder nur nachrichten, die uns angst einjagen und ein verzerrtes bild von der situation in palaestina vorgaukeln.
tja, objektivitaet hat eben auch seine subjektiven grenzen. hauptsache gut gegessen, mal sehen, ob das in den nachrichten erwaehnt wird...

Mein Lunch fuer die Kanzlerin

juhu, frau merkel kommt zu besuch. natuerlich will sie nicht mich sehen, aber das beruht ja eh auf gegenseitigkeit. was ich dabei aber nicht toll finde, ist, dass ich meine mittagspause wegen ihr nicht gemuetlich fortsetzen konnte. natuerlich muessen alle autos entlang ihres weges von der strasse. parken ploetzlich verboten. mohanad und ich sassen gemuetlich in einer kleinen snackbar, assen unsere sandwiches, als mitglieder der "17 force" das lokal enterten, um die halter (eigentlich nur die fahrer) der vor dem lokal parkenden autos ausfindig zu machen. unseres stand auch dabei. platz machen fuer die kanzlerin: wir liesen unsere sandwiches (uebrigens gegrilltes kaese-dueruem, mit allerlei salaten) einpacken, diese erlaubniss konnten wir uns noch von den bewaffneten erringen, bevor sie ungeduldig und sauer wurden. und dann mussten wir das lokal verlassen, mit verschmierter gusche und nach kaese riechenden haenden. ab ins auto und weg von der strasse. nur noch fahren ist erlaubt, kein parken mehr. am besten haetten wir gleich die stadt verlassen. denn wo ihr weg wirklich langgeht ist ja geheim und scheint hier niemand zu wissen, auch nicht die soldaten der "17 force". deshalb werden gleich die meisten groesseren strassen geraeumt. der saft lief aus meinem sandwich, tropfte auf meine hose und in meine jacke. das papier, in das es eingewickelt war, hielt natuerlich nur solange, bis der motor gestartet war.
frau merkel, ich stinke jetzt nach schafskaese, hatte eine unruhige mittagspause und keine chance, einen arabischen kaffee nach meinem essen zu geniesen, dafuer haetten wir ja anhalten muessen. ich hoffe, ihnen wird ein gutes abendessen serviert. wohl bekomms.

"RICO in the night" by Idiomsfilm