am rande von yafa, ein suedlich mit tel aviv zusammengewachsenes staedtchen, in einem herunter gekommenem teil der stadt, wohnt die familie daka. eine arabische familie, dass heisst mit cousinen, cousins, onkel und tanten und allem was so zu einer typischen arabischen familie dazu gehoert. eigentlich gibt es hier keine haeuser mit einem zweiten geschoss. hier lebt man ebenerdig, nicht grad sehr gut. steinhaeuser ohne fenster, auch mal mit wellblechdach,viel schrott liegt rum, autokarosserien. einige billige werkstaetten, meist schrottverwertung, stehen bereit, kunden von den staubigen gassen zu empfangen. ein abwasserkanal geht durch die siedlung, zum glueck ausgetrocknet, nur vermuellt. wenigstens bietet er offensichtlich genug fuer allerlei dichtes buschwerk und einige baeume an seinen ufern. schatten. 35 grad. ich habe schnupfen und rieche nix. gut so. am rande der siedlung liegen hohe sozialwohnungsblocks. nur drei, vier, dreckig und heruntergekommen, armut.
familie daka hat auf grund ihrer groesse und heirat im engeren kreis, oder so, ein zweites geschoss draufgebaut. sieht sehr huebsch aus, mit ueberdachter terasse und begehbarem dach. gestrichen, in gelb, und mit lackiertem holz teilverkleidet. ein mit wein ueberschatteter platz laedt ein, kaffee und wasser stehen bereit. im kreise sitzen die maenner. sie diskutieren, teils auf arabisch. am haus gelehnt sitzen und stehen die kopftuchtragenden frauen und maedchen. auf den terassen ist niemand. sie sollen abgerissen werden. also das gesamte obergeschoss. keine baugenehmigung. und der richterliche beschluss fuer den abriss des geschosses liegt vor, aus hoechster instanz. das wars.
familie daka versucht seit acht jahren, seit sie anfingen zu bauen, eine genehmigung zu bekommen. gibt’s aber nicht mehr hier, in yafa. schon seit 1948 nicht mehr. also fuer araber. ein investor ist auch schon gefunden. der hat hier grosse plaene, masterplaene fuer pardes daka.
ein aufruf ging durch tel aviv. via handy und mund-zu-mund. 60 sind ihm gefolgt. plus ca 20 im weitesten sinne familienangehoerige – das kann schon eindruck machen, wenn die sich alle ploetzlich auf dem dach und der terasse draengeln. also eindruck auf die baggerfahrer, die den auftrag zum abriss bekamen. und eindruck auf die polizisten, die ja jeden einzelnen wegtragen muessten. schweisstreibende arbeit am mittag. der trupp polizisten wurde zum verhandeln eingeladen. im kuehlen raum im obergeschoss, in frischen farben gestrichen. waehrend dessen haben all die angereisten ihre kameras ausgepackt. bestimmt 12 videos werden gedreht. von dem getuemmel auf dem haus. und dem, was passieren koennte. etliche fotos werden gemacht. al-arabia, der fernsehsender, ist auch da.
gut zwei stunden sonne prasseln auf die engagierten. dann ziehen die polizisten wieder ab. die hausherrin verkuendet, auf arabisch, das ende fuer heute. das fernsehen schneidet mit. danke fuer euer kommen. aber der richterbeschluss sieht vor, bis spaetestens 4. juni wird abgerissen. nebenan hat’s zweimal niemand verhindert. mauerreste zeugen noch von ehemaligen obergeschossen. wohl gemerkt, es geht nur um’s obergeschoss. besser eine ruine auf dem dach, als weiterer wohnraum. fuer araber. hier in yafa.
Der Abriss
"Der Stadtstaat Tel Aviv"
was ich nicht erwartet hatte reinzuschlittern, ist in die linke szene von israel. anarchos, antizionistische und antikapitalistische jugendliche und junge erwachsene, die hauptsaechlich im suedteil der stadt tel aviv anzutreffen sind.
der sueden tel aviv’s ist ansich ein schoenes fleckchen, wenn man sich in alternativen wohnvierteln wohlfuehlt. viele kuenstler, lebenskuenstler, eben viele linke und alternative versammelten sich dort und kreierten ein buntes stadtviertel, mit graffiti, teils heruntergekommenen aber auch teils selbst gestalteten haeusern, mit besetzten gebaeuden, vielen kneipen, cafes und szenetreffs, jugendclubs und partyflaechen. schraegen typen, bunten voegeln, punks und kreativen menschen begegnet man hier auf schritt und tritt. viele von ihnen sind muede ob des militarisierten staates von israel, mit seiner religioes ausgerichteten regierungspolitik, die juden bevorzugt und andere minderheiten benachteiligt. sie sind muede von religion, krieg, besatzung und dem unbedingten willen einiger anderer buerger, in dieser fuer sie feindlichen umwelt auf teufel komm raus existieren zu wollen, auch wenn sie eigentlich gar nicht in diese gegend passen und sich dieses land unrechtmaessig und nur militaerisch angeeignet haben. diese leute bereuen und schaemen sich teilweise dafuer, einen israelischen pass zu haben. sie schaemen sich, weil sie so teil einer gesellschaft sind, die auf ihrer armee aufgebaut ist, die seit ihrer zusammenwuerfelung in diesem landstrich nix anderes als krieg gefuehrt hat und die seit dem 1967er krieg keinen mehr gewonnen hat. sie schaemen sich fuer soviel leid mitverantwortlich zu sein, fuer so viele tote, vertriebene, gefangene und geschundene menschen. und sie bereuen es, weil ihnen der fakt der israelischen staatsbuergerschaft einen grossen teil der welt verschliesst (die gesamte arabische und die nordafrikanische)
fuer uns deutsche, die wir 10 oder 12 monate unseres lebens in einer kaserne verbracht haben, wo wir sport trieben und durch den wald robbten, nie auf menschen schiessen mussten oder gar in einen kampfeinsatz geschickt wurden, ja diese idee sogar gaenzlich unvorstellbar war, die wir jedes wochenende mit freunden im saufkoma verbrachten, oder die wir den (meiner meinung nach schwierigeren) weg des zivilen dienstes gingen ohne jemals auch nur in die naehe einer waffe gekommen zu sein – ja fuer uns entmilitarisierte deutsche ist es nur schwer vorstellbar, wie es ist, wenn man drei jahre (oder zwei fuer frauen) seines lebens in einer sich im krieg befindenden armee verbringen muss. wenn man bereits in der grundschule darauf hin getrimmt wird, eines tages sein leben fuers juedische vaterland zu opfern, auch wenn man kein jude ist. eines tages ins besetzte gebiet abgestellt zu werden, um andere menschen an ihrer weiterfahrt zu hindern. wenn man schon in der grundschule hoert, dass man spaeter im leben mal ein moerder werden wird, einer, der auf palaestinenser schiesst. wie fuehlt es sich an, wenn man in die pubertaet kommt, anfaengt ueber sich und das leben, den sinn des lebens und seinen platz in dieser welt nachzudenken und man vom staat die antwort bekommt, seinen platz als soldat zu sehen, zumindest fuer einen grossen teil seiner jugend. und jeder israeli hat in die armee zu gehen. und jeder soldat wird im zweiten jahr in die besetzten gebiete abgestellt. es gibt nicht die chance, einen anderen einsatzort zu waehlen, nur im inneren des staates israel zu dienen. es gibt nicht die chance, etwas gewaltloses und fuer die gesamte gesellschaft nuetzliches zu tun. armee oder knast – das ist die devise (fuer frauen gibt es noch die moeglichkeit schwanger zu werden, um vorzeitig aus dem militaerdienst entlassen zu werden...)
was ist das fuer ein start ins berufsleben, der mit einem aufenthalt in einem israelischen gefaengniss beginnt, weil man sich gegen die toetung von menschen entschieden hat. und dafuer den rest seines lebens als minderheit in der eigenen gesellschaft verbringt, als kriegsdienstverweigerer im wahrsten sinne des wortes, als verweigerer, den staat israel und seine besetzten gebiete militaerisch zu staerken. und man bewegt sich den rest seines lebens unter soldaten, ehemaligen, reservisten und veteranen, zu denen man nur auf dem papier gehoert. unter menschen, die alle im krieg waren, die alle geschossen haben, die alle in den besetzten gebieten stationiert waren – alle, jeder einzelne! der baecker nebenan, der kioskbesitzer, der busfahrer, der strassenkehrer. gut, genau genommen waren nicht alle dabei, denen man auf tel avivs strassen begegnet, denn die arabischen israelis werden natuerlich von der ehre, der am besten ausgeruesteten armee der welt anzugehoeren, ausgeschlossen. aber schon im nordteil der stadt, wo es keine araber mehr gibt und im grossen rest des landes sind es schlichtweg alle.
und so kaempfen viele der linken „aussteiger“ heute gegen den staat israel, gegen seine besetzungspolitik. sie organisieren und beteiligen sich an palaestinensischen demos in der westbank (obwohl es israelis bei gesetz verboten ist, die westbank zu betreten), sie setzten sich aktiv gegen die vertreibung der araber aus ihren haeusern im stammland israels ein, sie organisieren und gestalten ausstellungen, sie diskutieren und informieren ueber die „falschheit“, „arroganz“, „dummheit“ und „nutzlosigkeit“ der israelischen politik. Und sie proklamieren das ende des staates israel. nicht durch sabotage- und gewaltakte, sondern weil diese gesellschaft in sich nicht funktionieren kann, weil das bild eines religioesen staates heute veraltet ist und nicht funktionieren kann, weil diese gesellschaft nur das eine moment verbindet: die gleiche religion. und diese philosophie kann nicht gelingen. und weil dieser staat auf blut, tot und zerstoerung gebaut worden ist. heutzutage wuerden alle militarisierten laender ploetzlich von der karte verschwinden. keiner haette ende der 60er jahre geglaubt, die udssr wuerde anfang der 90er nicht mehr existieren...
frueher oder spaeter muesste die israelische armee auf israelische aktivisten und linkseingestellte buerger schiessen. teilweise tun sie es schon heute. mit rubber-bullets. aus der naehe koennen sie schnell toetlich sein und aus der ferne rufen sie schwere und schwerste verletzungen hervor, oft mit lebenslangen folgen. prozesse auf schadenersatz laufen, und erfolgreiche gab’s auch schon. und irgendwann wird der erste von ihnen toetlich getroffen werden. und irgendwann... irgendwann wuerde die israelische presse erschreckt aufrufen: juden toeten juden in israel. und die gesellschaft zersplittert endgueltig...
und so wird im suedteil tel avivs scherzhaft die abspaltung der stadt vom staat und die gruendung des stadtstaates „tel aviv“ forciert, versammeln sich intelektuelle, neu-reiche hippies, hardcore-globalisierungsgegner, ewige „weltverbesserer“, und einfach leute, die es satt haben tagtaeglich im krieg zu leben, es satt haben, hauptsaechlich meldungen ueber aktionen „ihrer“ armee in den news zu bekommen, seit sie lesen koennen. leute, die einfach ohne armee, soldaten, kriegserfolgen und –misserfolgen, gefallenenmeldungen und un-rechts-verstoessen ihrer regierungen leben wollen. und die linken und alternativen im sueden tel avivs geben noch 20 jahre, ueber’m daumen.
Incognito
wer schonmal eine sommergrippe gehabt hat, weiss wie besch***en es ist, in der hitze mit voller nase, fast explodierendem kopf, halsweh und allgemeiner schlappheit rumlaufen zu muessen. da haben wir hier nun endlich den sommer, so um die 30 grad, brennende sonne, und mich hats voll erwischt - gehabt. nun, nach einer woche, hab ich blos noch bissel schnupfen, das fieber wenigstens ist jetzt weg.
zweilagiges klopapier, das die nase schon am ersten tag blutig gerieben hat, zwiebelsaft und einheimische zitronen, frisch in den mund gepresst, waren meine heilmittel, gemischt mit den unglaeubigen blicken der einheimischen, dass ich ueberhaupt ein papier verwende und meine nase putze. ein richtiger mann rotzt natuerlich alles auf die strasse, unter zuhilfenahme seines daumens und zeigefingers.
der wind, der hier eigentlich staendig blaest und die sommerhitze damit ertraeglich macht, ist zur zeit mein aergster feind. verbunden mit den ungefiltereten autoabgasen trocknet er die schleimhaeute richtig aus und macht jede atemtaetigkeit damit noch viel schwieriger.
vielleicht hilft ja ein klimawechsel, auch noch den restschnupfen endgueltig loszuwerden. genau das hab ich jetzt auch vor. nach fast sechs wochen arabischer gastfreundschaft und aufdringlichkeit, werde ich heut abend in den westen fahren, in die "bessere welt". fuer ein verlaengertes wochenende mal ordinaeren strandurlaub machen, im sand liegen unter palmen und mit lagerfeuer am abend, mittelmeer, mediteranes klima und warme naechte (was es in ramallah einfach nicht gibt).
mal fuer vier tage der kleinstadt entfliehen, in der mich fast jeder kennt (bin wirklich der einzige auslaender mit langen haaren und damit hohem wiedererkennungswert...) und ich alle 100 meter jemanden gruessen darf, smalltalk halten muss, eine zigarette mitrauchen oder einen tee mittrinken muss. gestern morgen zum beispiel gruesste mich wieder ein junger mann ueberschwaenglich. ich muss wohl ziemlich verdutzt geguckt haben, jedenfalls fragte er beleidigt, ob ich mich denn nicht an ihn erinnern koenne. ich bat ihn seine sonnenbrille abzusetzten, vielleicht dann. doch - ich habe ihn angelogen, ach ja klar, ich haette blos seinen namen vergessen... es stellte sich heraus, dass er einer der taenzer war, der 2005 fuer den helena waldmann film in einer massenszene mitgetanzt hatte. ich kann mir doch nun nicht jeden statisten merken, der mir irgendwann mal in meinem leben seinen namen verriet... glauben denn die leute, ich haette kein anderes leben, keine anderen bekannten, keine andere stadt, in der ich leute kenne? glauben die, ich sei in ramallah zu hause, auch wenn ich zwei jahre nicht dagewesen bin? glauben die, ich haette die zwei jahre in einer hoehle ganz allein verbracht?
vielleicht haette ich mir meine haare abrasieren sollen, um mein aussehen zu veraendern. naja, ich will mich nicht beschweren, ich habs ja selbst so gewaehlt und eigentlich ist es ja auch schmeichelhaft. nur sollte sich hier nicht jeder einbilden, er sei so charismatisch und besonders, dass ich mir ihn auf jeden fall ueber jahre hinweg einpraegen werde, mit all seinen daten wie name, alter, beruf und taetigkeit. man sagt, ramallah habe 30.000 einwohner - das ist viel arbeit... (wobei ich natuerlich nicht sagen will, das jeder mich kennen wuerde...)
auf jeden fall habe ich mir diesen kleinen urlaub von meinem laufsteg in ramallah verdient. ich freue mich darauf, incognito durch tel aviv zu laufen, niemanden gruessen und kennen zu muessen, mal wieder einer von vielen unter vielen zu sein. in diesem sinne tauche ich jetzt unter und melde mich wieder, wenn ich aufgetaucht bin, zurueck in ramallah, der kleinstadt auf dem heiligen, windigen berg.
Short Message
die auseinandersetzungen in gaza dauern nun schon 6 tage an (seit montag). die zeitungen berichten von mittlerweile 46 von palaestinensern getoeteten palaestinensern. hinzu kommen noch die opfer der israelischen luftangriffe... warum ausgerechnet jetzt, wo sich in gaza wieder die hamas und die fatah bekaempfen (die schlimmsten auseinandersetzungen seit november) die israelis auch noch zuschlagen muessen und das ganze durcheinander, die gesamte aufgeheizte situation damit noch mehr anfeuern, frag ich mich wirklich. auf der anderen seite koennte man auch spinnen, wenn die israelis jetzt weiter raketen auf gazas strassen feuern, besinnen sich die palaestinenser vielleicht wieder auf ihren gemeinsamen feind und hoeren auf, sich gegenseitig umzubringen - naiver gedankengang wahrscheinlich...
und die solidarisierungsaufrufe hier in ramallah fruchten wenig. auch ramallah hat sich anstecken lassen...
in der uni von bir zeit (bei ramallah) werden von beiden fraktionen handzettel verteilt, sich nicht an diesen auseinandersetzungen zu beteiligen. genauer gesagt rufen sie nur dazu auf, die kaempfe nicht auf den campus kommen zu lassen...
das rathaus in ramallah hat neue flaggen rausgehaengt, weiss mit dem aufruf des zusammenhaltes der verschiedenen fraktionen und viele, viele palaestinenser-fahnen. und demonstrativ die fahne der fatah, die hier im stadtrat noch die mehrheit haben...
wer wen getoetet hat, wer fuer welche zerstoerungen verantwortlich ist, weiss niemand, auch nicht die arabischen zeitungen. ratlos verkuenden sie nur die anzahl der opfer und das ausmass der zerstoerung. aber ob nun fatah oder hamas dieses gebaeude und dieses auto beschossen haben kann niemand sagen. auch ist noch unklar, welche partei zur zeit mehr opfer zu beklagen hat. es entsteht der eindruck, dass jeder auf jeden schiesst...
abbas und hanija bekraeftigen beide ihre unschuld, und das ihre truppen nicht in den kampfhandlungen beteiligt sind. ueber den ausloeser der gewalt am montag gibt es keine angaben...
manche flaggen weiss, als friedensaufruf und einigungsaufruf, andere flaggen schwarz und rufen nach staatstrauer, wieder andere propagieren den fortgang, frei nach dem motto: "sollen sich doch alle abschiessen die schiessen wollen, dann herrscht wieder ruhe"...
das leben in ramallah aber geht gewohnt weiter, heute ist ja freitag, also muslimischer feiertag, da bleibt sowieso jeder zu hause...hoffen wir auch heute nacht.
Oase Jericho
schoenes heisses jericho, aelteste siedlung der menschheit (ueber 10.000 jahre besiedlung wurden archaeologisch nachgewiesen) und zugleich palaestinensische obst-oase.
ich war am mittwoch vormittag da, zwecks filmarbeiten. leider war keine zeit, um durch die stadt zu wandern, aber das habe ich ja schon ausfuehrlich und mehrmals 2005 getan. faszinierend ist nur immerwieder die fahrt nach und von jericho. auf 800 m wird gestartet und nach nur 50 min autofahrt ist man ploetzlich auf -200 m. die ohren machen das zwar noch mit, aber trotzdem ist dieser schnelle und heftige hoehenunterschied im ganzen koerper zu spueren. und die luft steht, ist stickig und einfach wuestenheiss. dafuer verfuegt jericho ueber einige wasserquellen, die eine reichliche obsternte hervorrufen. und so besteht ein mittagessen in jericho meist nur aus verschiedensten saftigen fruechten. mehr hunger hat man bei der hitze auch nie. und als ob es typisch waere, kaum haben wir die wuestenoase verlassen gehabt und sind die 1000 m wieder hochgestiegen, fing der regen an, auf dem rueckweg nach ramallah...
uebrigens hat sich aber die fahrt nach jericho erheblich vereinfacht, auch fuer die palaestinenser. der mauerbau ist weiter voran gekommen und ermoeglicht jetzt die direkte fahrt von ramallah nach jericho. frueher musste man umsteigen, checkpoints passieren und war wesentlich laenger unterwegs. heute wird man blos noch bei der einfahrt in die stadt kontrolliert, erst von israelis und 100 m weiter von palaestinensern. irgendwie eine strange situation, als ob beide parteien anspruch auf die sicherheitsgewaehrleistung in jericho erheben. und vertrauen kann man am ende auf niemand...
wenn ich die zeit habe, werde ich wieder eine wuestenwanderung nach jericho unternehmen, durch ein wadi (ausgetrocknetes flussbett) und dann auch mehr bilder und eindruecke aus der stadt online stellen. bis dahin erstmal nur folgende:
Bruderkrieg
ramallah kann solche heftigen stimmungsschwankungen an den tag legen, wie keine andere stadt die ich kenne. die gesamtstimmung auf den strassen, der ploetzliche wandel der beziehung der einheimischen zu auslaender jeder couleur, das gefuege in den beziehungen zwischen den palaestinensern, sichtbar im taeglichen leben auf den strassen und in den geschaeften.
waehrend meine politische ansicht den „staat“ palaestina betreffend eigentlich immer egal ist, also welcher partei ich eher zustimme, der hamas, der fatah oder den sozialisten, kann sie ploetzlich von immenser bedeutung sein. waehrend meine arabisch unkenntnisse kommentarlos akzeptiert werden, koennen sie ploetzlich ueber arabische gastfreundschaft oder abneigung entscheiden.
das wesen ramallahs, die seele der stadt ist ein multiples gebilde. normalerweise geht jeder seinem geschaeft nach, versucht sein geld zu vermehren und kuemmert sich um seine beziehungen und angelegenheiten. doch wenn irgendetwas aus der reihe tanzendes passiert, was unvorhergesehenes, sei es in verbindung mit einem feiertag/trauertag, sei es in verbindung mit der israelischen armee oder in verbindung mit gefechten zwischen palaestinensern, dann ist die stimmung der stadt, das feeling auf der strasse und in geschaeften, ploetzlich eine komplett andere. unangemeldet, ohne vorwarnung und schlagartig, von einer auf die andere sekunde, als ob man in ein anderes land oder eine andere stadt, in einen anderen kultur- und beziehungskreis geraten waere.
die ereigneisse in gaza werden natuerlich immer hier wahrgenommen, durch die medien natuerlich. sie werden diskutiert und besprochen. aber sie sind fern, unerreichbar fern, im wahrsten sinne des wortes. das heisst sie beeinflussen meistens nicht den lauf der dinge in ramallah. doch die heftigen auseinandersetzungen in gaza am montag, dienstag und mittwoch, zwischen hamas und fatah, haben die situation und das wesen ramallahs, zumindest fuer dienstag und mittwoch, heftig veraendert.
wenn es hier schiessereien gibt, also ich meine auseinandersetzungen, egal ob gegeneinander oder gegen die israelische armee, dann ist das normalerweise eine mg-salve, dann antwortet die andere seite mit ein paar salven drauf und je nach dem, kontert der erste nocheinmal mit ein paar salven und khalas. ne sache von unter einer minute. gestern gab es aber das erste gefecht, zumindest seit ich hier bin. die demo begann ca. 15 uhr („generalstreik“), als es dunkel wurde, gegen halb acht, waren die ersten schiessereien zu vernehmen und abends gegen neun wurde es heftiger. das gefecht dauerte ne gute halbe stunde. und es waren nicht nur einzelne salven, sondern ununterbrochener heftiger beschuss... auf al-jazeera liefen nebenher „breaking news“, live aus dem journalistenhaus in gaza, das unter beschuss stand. spaeter am abend liefen dann die bilder von den strassen gaza’s durch... die stadt hatte sich beeinflussen lassen, negativ beeinflussen lassen, von den ereignissen in gaza.
und jeder hier fragt sich, warum tun die das, jeder palaestinenser fragt sich das: „was geht hier ab, was laeuft falsch in dieser welt?“ zumal, zumindest in ramallah, sich die israelis nicht eingemischt hatten, es waren kaempfe zwischen hamas unf fatah, zwischen palaestinensern. anders als in gaza, wo die luftwaffe die unruhen „genutzt“ hat, um drei eigene raketen zu platzieren...
es ist nun das dritte, einfach krass andere gesicht von ramallah, nach dem „alltag“ und dem „aengstlichen“ („totes ramallah“). das gesicht das veraergert ist ueber die eigene welt, das gesicht das sich selbst ankotzt, das gesicht das einfach nur die schnauze voll hat, das „warum“ nicht mehr durchschauen kann und in selbstzerstoerung ueber geht. es ist schwierig, dieses ploetzliche „in eine andere welt versetzt werden“ in worte zu fassen, ich kann nur sagen, dass diese stimmungsschwankungen das leben beeinflussen, nicht nur das der einheimischen. die welt dreht sich ploetzlich anders, es liegt etwas in der luft, das man sich selbst nicht wirklich erklaehren kann. das muss nicht unbedingt beaengstigend sein, oder einschuechternd, aber es beeinflusst definitiv deine wahrnehmung, deine sensibilisierung und deine aufmerksamkeit und damit deine persoenliche stimmungslage...
wobei das alles jetzt ein bischen heftig klingen mag, moechte ich doch noch erwaehnen, dass die extremen phasen nie von langer dauer waren. und auch nur relativ gefaehrlich sind, da sich ja nur die stimmungsschwankungen ueber die ganze stadt ziehen, nicht aber die schiessereien. es ist zwar schwierig den ort der schiesserei zu lokalisieren, da sich die stadt ueber so viele huegel legt, wird der klang meist reflektiert von den steilen flanken und somit in die stadt getragen – in manche gegenden lauter, obwohl sie weiter entfernt sein koennen als tatsaechlich angrenzende, bei denen aber der sound nur leise ankommt. ich bin kein physiker, verruecktes phaenomen in dieser stadt, aber an der lautstaerke und der vermeintlichen richtung des klanges kann man sich nur wenig orientieren. man muss die menschen und autos auf der strasse als anhaltspunkt nehmen, ihren geschulten sinnen vertrauen, dann bewegt man sich genauso sicher wie sie selbst durch die stadt. und das krasse an der ganzen sache ist, nach ein paar normalen tagen ist die ganze geschichte wieder vergessen, keine erinnerung wehrt, versinkt die stadt wieder in dem charmanten strudel der arabischen geschaeftigkeit...
(17.5.07, 11 uhr ortszeit)
Generalstreik
ich weiss nicht ob es in den deutschen nachrichten erwaehnt wurde, aber gestern, am dienstag, haben sich in gaza wieder die hamas und fatah bekriegt. genauer gesagt haben hamasanhaenger 3 raketen in ein fatahbuero geschossen, das gebaeude wurde zerstoert und 24 menschen kamen ums leben, hauptsaechlich fatahmitglieder. das alles passierte in gaza, also meilen weit entfernt von ramallah, quasi am anderen ende der welt. denn hier bekommt man davon nur durch die medien etwas mit, in der regel.
in der regel, denn diesesmal war wohl die auseinandersetzung doch zu heftig – fatahmitglieder in ramallah haben kurzerhand beschlossen heute eine demo gegen die gewalt in gaza abzuhalten. und nun ist eine demo in ramallah nicht wie irgendeine demo in europa. beginnen tut alles mit einem zivilen polizeifahrzeug, diesmal von der fatah, die fahren kreuz und quer durch die ganze stadt und informieren via megaphone alle leute ueber die geplante demo. und dann ist das nicht eine demo auf freiwilliger basis, sondern wenn hier eine partei beschliesst eine demo abzuhalten, dann heisst das streik. wer demonstriert kann sowieso nicht arbeiten, und wer nicht mit auf die strasse geht und fahnen schwenkt, der hat sich zumindest mit den demonstranten soweit zu solidarisieren, dass er/sie auch aufhoert zu arbeiten, das geschaeft schliesst oder das buero verlaesst. demo heisst generalstreik. gut, nicht gerade generalstreik, denn was schert sich schon ein hamasmitglied, wenn die fatah zur demo ruft. spd-mitglieder gehen ja auch nicht auf die strasse, wenn cdu-mitglieder gegen sozialdemokratische beschluesse demonstrieren gehen, oder? aber hier in ramallah gibt es noch eine andere besonderheit – die angst vor der anderen seite. auch wenn sie heute vielleicht an vielen stellen nicht mehr begruendet ist, so steckt sie doch seit der ersten intifada in den 80ern tief drin in den menschen. die angst davor, dass jedes geschaeft, dass sich nicht dem generalstreik anschliesst, zerstoert, beschossen oder gar in die luft gesprengt wird. schon zu oft ist es passiert, dass die noch geoeffneten geschaefte derjenigen, die nicht dem streikaufruf gefolgt sind, dem erdboden gleich gemacht wurden. wenn die hamas zum streik aufruft, haben gefaelligst auch die fatah-anhaenger zu streiken und umgedreht.
so haben auch heute nachmittag, ich war zum glueck gerade fertig mit meinem mittagessen, alle geschaefte, restaurants und bueros geschlossen, und zwar ziemlich genau, als der zivile polizeiwagen dazu aufgerufen hatte. nur eine handvoll demonstranten versammelten sich zur tatsaechlichen demo auf dem manara, aber doch haben alle irgendwie diesen streik, diese demo mitgemacht, indem sie aufhoerten zu arbeiten, auch wenn sie den eigentlichen grund der demo nicht wirklich mental unterstuetzten.
ich weiss zwar nicht, wen der generalstreik treffen soll, und es ist doch auch schade, dass gerade bei diesem thema (gegen gewalt unter bruedern in gaza) die zwei gruppen nicht miteinander demonstrieren, sondern nur aus angst einander solidarisieren, aber im grossen und ganzen war auch heute wieder die veraenderung zum positiven hier in ramallah zu spueren: waehrend 2005 nicht eine einzige demo ohne waffen (auch wenn nur in die luft geschossen wurde) abgehalten wurde, war heute keine einzige zu sehen. waehrend 2005, sobald sich nur eine kleine menschenmenge zusammenraufte, sich saemtliche palaestinensischen sicherheitskraefte aus dem staub machten, eskortierten sie heute die demonstranten und riefen zur demo selbst auf und regelten den verkehr um die menschentraube herum. waehrend 2005 nicht geschlossene geschaefte beschossen wurden, verlief heute alles friedlich. ausgenommen von zwei schwarzen rauchwolken, die dick in die dunklen regenwolken aufstiegen. eine explosion war weit zu hoeren. allerdings kann ich wirklich nicht sagen, ob einfach nur eine gasflasche explodiert ist, ein sonstiger haushaltsunfall passierte oder es doch ein anschlag war. die gasflasche erscheint mir am plausibelsten, denn jeder haushalt besitzt welche, zum kochen und heizen, und natuerlich geschehen damit immerwieder unfaelle.
(16.5.07, 16 uhr ortszeit)
Statist
heute war quasi ein normaler buerotag, keine drehs fuer mich, kein schnitt - sondern nur das alltagsgeschaeft abwickeln, emails beantworten, ein festivalpaket fertig machen und bissel an einem treatment weiter schreiben. ich sass also gut gelaunt im buero (hab die letzten naechte wieder schlafen koennen, hatten ja auch drei regentage...), als ich ploetzlich einen anruf bekam, ich muesste sofort an den drehort kommen.
jba (france) produzieren gerade wieder einen grossen kinofilm, hier in palaestina. "salt of this sea", von anne-marie jacir. leider war die crew schon voll besetzt, als ich im maerz hier ankam. nichts desto trotz kenne ich jeden, der dort mitarbeitet, bis auf den franzoesischen produzenten ("paradise now") und den franzoesischen kameramann. man koennte fast sagen, ganz ramallah arbeitet zur zeit fuer diesen film. ich konnte immer mal bei den drehs mit dabei sein - 35mm dreh fuers kino - ist eben doch eine andere produktion als fuer das fernsehen. sehr lehrreich.
jedenfalls bin ich abgeholt worden und an den drehort verfrachtet worden - ein arabisches restaurant hier in ramallah. dort habe ich platz genommen, mir wurde bei jedem dreh (5 mal) ein bier serviert, es gab snacks und ich hatte nix weiter zu tun, als da zu sitzen. konnte nebenbei meine arbeit am laptop weiterfuehren. kurz um, ich bin jetzt ein statist in einem kinofilm, habe dabei keinerlei zeit verloren, sogar mein arbeitspensum dort fertig gebracht und fuer all den spass auch noch ne aufwandsentschaedigung bekommen. bleibt blos noch zu hoffen, dass ich am ende doch nicht zu sehen sein werde.
wenn doch das leben immer so einfach waer...
Schoene Aussicht

EU sagt ab!
was konnte ich da denn lesen. die haaretz (israeli daily newspaper) verkuendet heute in der online-ausgabe, dass deutschland, stellvertretend fuer alle eu-staaten, die einladung zum 40. jerusalem day zurueckgewiesen hat. in israel ist das ein grosses event, auch "40th anniversary of the reunification of jerusalem" genannt. am mittwoch, vor 40 jahren, hat israel im 6-tage-krieg jerusalem erobert und damit ost- und westjerusalem wiedervereint (ostjerusalem war vorher unter jordanischer herrschaft). somit ist dieser jerusalemtag eigentlich auch nur ein feiertag fuer den erfolg des 6-tage-krieges. und fuer die palaestinenser ist dieser tag ein marker in ihrer trauergeschichte, denn seit diesem tag (vor 40 jahren) kaempfen sie darum, ostjerusalem als ihre kuenftige hauptstadt wieder zu bekommen, wenigstens aber ein zugangsrecht nach ostjerusalem fuer alle palaestinenser.
abgesagt haben uebrigens nicht nur die europaeer, sondern auch der botschafter der vereinten staaten, weil die frage des status von ostjerusalem als teil der israelischen hauptstadt nicht geklaert sei. von den un ist ja jerusalem als israelische hauptstadt auch nicht anerkannt, daher haben auch die meisten laender ihre botschaft in tel aviv.
na jedenfalls find ich es eine gute entscheidung, dass dieser "jerusalemtag", ein israelischer feiertag auf den erfolg eines angriffkrieges, auf den erfolg einer militaerischen eroberung einer stadt und den erfolg von 40 jahren besatzung einer stadt und den erfolg von 40 jahren widerstand gegen die united nations und den erfolg von 40 jahren vertreibung von arabern aus dieser stadt, dass dieser tag nicht feierlich begleitet wird durch repraesentanten der eu.
Schlecht geschlafen
irgendwie habe ich das gefuehl, dass, seit bei uns der sommer eingezogen ist, mit heissen tagen und warmen naechten und vor allem ohne regen, das seit dem wieder verstaerkt unruhestifter umherstreifen. klar, in der kalten stuermischen zeit, wo es hagelt, gewittert und aus kannen giesst, da will keiner des nachts im sturm und bis auf die knochen durchweicht mit schweren toetungsmaschinen durch die olivenhaine rund um ramallah umherkriechen, auf der suche nach einem feind im matsch liegen. ausserdem waere das wahrscheinlich mit den alten kalaschnikows auch nicht moeglich. ich bin kein experte, aber so verbeult, teils verrostet und klapprig wie diese gewehre aussehen, haetten sie bestimmt aussetzer bei stroemendem regen... die wuerden bestimmt mit wasser volllaufen und die patronen wuerden davonschwimmen oder im matsch im gewehrlauf einfach stecken bleiben.
und entweder sind auch die israelis (die soldaten mein ich) wasserscheu oder sie haben ihre aktionen in der kalten zeit einfach unbehelligter durchfuehren koennen, weil eben kein kalaschnikowtraeger von der anderen seite bei regen rausgegangen ist.
jetzt haeufen sich wieder die naechtlichen auseinandersetzungen - oder besser gesagt die nachmitternaechtlichen. denn die typischen freudenschuesse anlaesslich einer hochzeit oder eines jahrestages fanden und finden natuerlich auch in der kalten jahreszeit immer abends statt, gemischt mit normalem feuerwerk. doch 2 oder 3 uhr frueh feiert hier keiner mehr...
und ich bin regelmaessig die letzten paar naechte aufgewacht, weil wieder rumgeballert wird. da mein haus am hang liegt und am rande von ramallah, mit blick ueber ein tal und auf bet hanin (?schreibweise?), kommen hier die klaenge der schiessereien immer besonders gut an, werden vom wind uebers tal getragen und vom hang hinter mir reflektiert und sind somit immer besonders laut wahrzunehmen. und bet hanin sowie die haeuser unten im tal (keine 50 m unter mir) sind die schauplaetze der auseinandersetzungen. leider kenne ich noch niemanden aus diesem dorf, habe somit keine infos ueber das was und warum, aber die olivenbaeume am hang sind eine gute deckung fuer palaestinenser, wenn drueben auf dem berg, in bet hanin, wieder die israelis einmarschieren um sich jemanden zu kaschen. es schlaengeln sich kleine strassen durch den hang, das tal und auf der anderen seite wieder hoch nach bet hanin, luftlinie vielleicht 100 meter, kleine strassen, die auch die israelis gerne nutzen, um ohne grosses aufsehen ihr ziel zu erreichen, im einzugsgebiet von ramallah. und dann gehen die schusswechsel los, der unterschied im klang zwischen den israelischen und palaestinensischen gewehren ist leicht rauszuhoeren, manchmal fliegen ein paar rauchgranaten, ein paar blendgranaten, dann wird die gegend hell erleuchtet mittels leuchtgranaten. und wenn man dann den hellen, dumpfen und extrem lauten knall hoert, weiss man, dass die israelis jetzt in einem haus sind, ihre soundbombe gezuendet haben, ihre zielperson kaschen und binnen 5 min wieder weg sein werden. dann kehrt wieder ruhe ein und es dauert nicht mehr lange, bis der muezzin in bet hanin zum morgengebet ruft.
aber ich bin trotzdem optimistisch, immerhin finden diese schiessereien nur nach mitternacht statt, und nicht so provokativ am hellichten tage, wie es noch 2005 oefter der fall war. allerdings macht mir diese routinemaessigkeit doch sorgen. auch ich bin abgestumpft und denke weniger an die opfer und das leid der familien als daran, endlich mal wieder eine nacht durchschlafen zu koennen... mal sehen, vielleicht haben die israelis ja bald das gesamte dorf bet hanin weggekascht und ziehen weiter, in ein dorf das hinter einem berg liegt.
Spontanbesuch

hab dafuer mal ne karte von ramallah ausfindig gemacht, gibt ja nicht wirklich viele, und wenn, dann sind sie vom israelischen militaer...
mein haus ist zumindest eingezeichnet, mein buero liegt leider ausserhalb der karte, wer mich also mal spontan besuchen kommen will, der weiss jetzt, wo und wie er/sie mich finden kann ;-)
die busse aus jerusalem kommen uebrigens oestlich vom manarah-square (zentrum) an.
Totes Ramallah
tot in ramallah. einen hats mal wieder erwischt, ermordet, von palaestinensern. leider gibts darueber verschiedenste informationen, welcher organisation die moerder angehoeren.
jedenfalls war daraufhin die gesamte stadt lahmgelegt. stille, totenstille, kein auto, keine menschen. donnerstag abend (26. april), beginn des muslimischen wochenendes, normalerweise partyzeit in ramallah, wo alles und jeder flanieren geht, in cafes und bars, eben die nacht vor dem freien tag...
doch diesmal war alles anders, die securityeinheiten verfolgten die moerder durch die stadt, und diese fluechteten sich in eine nahegelegene israelische siedlung. obwohl sie keine siedler gewesen sein sollen. wer auch immer sie waren, die securities wollten sie natuerlich in die siedlung verfolgen. schiesserei mit israelis. die securities wollten die israelische armee auffordern, den moerdern keine zuflucht zu gewaehren, sondern sie auszuliefern. keine hilfe.
stand der dinge ist, die moerder sind weg und die stadt ist gelaehmt, vor angst. anarchie, keine gesetze mehr, kein einziger security mehr, keine polizei. abu mazen hat alle abgezogen, zur eigenen sicherheit, denn ansonsten haetten sie sich wohl blos weiter beschossen und weitere reaktionen von antiautoritaeren gruppierungen provoziert.
in diesem zustand habe ich ramallah lang nicht mehr erlebt, seit 2005 nicht mehr. die angst in der bevoelkerung steckt immernoch tief, gerade vor innerpalaestinensischen auseinandersetzungen. dann bleibt jeder zuhause, man warnt sich gegenseitig, alle geschaefte schliessen, obwohl sie sonst bis nach mitternacht auf haben, zumindest donnerstags. alle bars, cafes und treffpunkte waren gechlossen, schwere eisentueren sollte vor eindringlingen schuetzen. meine kollegen sind im buero geblieben, weil uns dort die nachricht erreicht hat: „palaestinenser schiessen auf palaestinenser.“
die lethargie der stadt hat bis samstag mittag angehalten, bis das leben wieder auf ramallahs strassen zurueck gekehrt ist. der ganze freitag, obwohl ja eh feiertag, war eine ausgestorbene zone in ramallah. keine geschaefte waren geoeffnet, kein mensch oder maschine auf den strassen, kein leben. nur eisentore, stille, muell und katzen...
es ist diese ganz besondere stimmung in der stadt, wenn jeder weiss, es ist etwas passiert, aber keiner weiss, was genau passiert ist. wenn jeder jeden verdaechtigt ein krimineller zu sein, denn wenn diese art von totenstille einkehrt, bewegen sich nur noch leute auf den strassen, die bewaffnet sind, und, so sagte man mir, die einen einbruch, ueberfall oder sonstige kriminelle aktivitaet planen. mich hat keiner ueberfallen oder ausgeraubt oder mit einer waffe bedroht, ich weiss allerdings nicht, wieviele mich fuer einen kriminellen gehalten haben, von denen, die mich auf den strassen haben entlang wandern sehen.
ramallah ist ja oefter mal still, sonntags nachts z.b. aber diese art von stille, wenn man die angst regelrecht in den strassen riechen kann, und die leute ihre tueren nicht nur verschliessen, sondern verrammeln, wenn sich nicht einmal hart gesottene und schwer bewaffnete auf die strassen trauen, und wenn keiner weiss, wem er trauen kann, wer was getan hat und wer jetzt noch friedlich ist. wenn alle dort bleiben, wo sie gerade waren, und sich die nachricht von dem toten wie ein lauffeuer durch die handynetze der stadt verbreiten. dann wird die stadt binnen minuten zu einer geisterstadt in der die anarchie ausgerufen wurde und die militaers und securityleute damit zu tun haben, sich gegenseitig zu beschatten und zu verdaechtigen.
wie die geschichte ausging, weiss ich nicht. am samstag waren wieder autos auf den strassen, abends sogar die paramilitaers wieder zurueck, die geschaefte hatten zwar noch die eisentore vor ihren schaufenstern, aber sie waren wieder geoeffnet. keiner sprach mehr darueber und langsam normalisierte sich alles wieder.
Ohne Titel
eigentlich waere hier wieder ein aehnlicher titel angebracht wie im vorherigen post: ein totes bluemchen fuer den frieden.
da war ich doch heute wieder drehen, wieder ein event, ich will mal unerwaehnt lassen, fuer welche organisation ;-)
seit ein paar tagen bemuehen sich die truppen der „17 forces“ checkpoints auf ramallah’s strassen einzurichten, um die autos zu kontrollieren. wohl gemerkt, es geht hier nur um die autos, nicht um die id’s der fahrer oder deren fuehrerschein. es soll nur festgestellt werden, welche autos noch nicht offiziell registriert sind, also noch keine steuern an die palestinian authority (pa) zahlen. ausgenommen sind natuerlich die autos mit den gelben nummernschildern aus israel. (es gibt ja noch araber im kernland von israel, die eine jerusalem oder sogar ganz israel id, sprich erlaubnis haben) davon fahren hier natuerlich einige herum, denn in israel sind autos billiger, weil weniger steuern. kauft man hier in palaestina ein auto mit dem weiss gruenen nummernschild der pa, dann zahlt man nicht nur israelische steuern drauf sondern zusaetzlich noch die fuer die pa. und viele araber, die zwar eine jerusalem-id haben, also auch in westjerusalem/israel ein auto kaufen koennen, mit gelbem nummernschild, leben trotzdem in ramallah.
na jedenfalls haben die paramilitaers nur etwa 3 von 5 autos zu kontrollieren, und das tun sie auch gewissenhaft, sogar noch spaet in der nacht. wie mir gestern geschehen, natuerlich hatte ich keine papiere dabei, hat sie aber auch nicht interessiert, solange ich das zertifikat vom finanzministerium vorzeigen konnte, dass auf dieses auto steuern an die pa entrichtet wurden.
aber zurueck zum dreh: da haben sich doch engagierte palaestinenser gedacht, wir sollten diese mutigen soldaten fuer ihren guten einsatz und job danken, dass hier endlich jemand versucht recht und ordnung rein zu bringen und die illegalen von den legalen (autos) zu trennen versucht. der dank sollte ein anstecker der unbenannten organisation sein und eine nelke.
da ich mit dem dreh beschaeftigt war, konnte ich leider keine fotos schiessen, und auch das band habe ich nicht mehr, aber man versuche doch, sich das mal bildlich vorzustellen: da stehen spezialtruppen, paramilitaers, in voller tarnuniform und mit kalaschnikows behangen auf einer vielbefahrenen kreuzung, haben alle muehe und not auch jedes auto zu stoppen, muessen sich mit querulanden auseinandersetzen, die die kontrolle gar nicht lustig finden und sind wirklich im stress und gewillt autoritaer und streng rueber zu kommen (was sie auch durchaus tun!) und dann kommt ein bunt behaengtes auto um die kurve gefahren, stoppt an der kreuzung, es stuermen vier gut gekleidete palis raus, mit einem berg von nelken auf dem arm, rennen auf die soldaten drauf zu, umzingeln sie, waehrend ihm einer eine nelke in die hand drueckt und ein anderer dem soldaten das logo der organisation ans revier heftet, wo schon so allerlei verdienstorden herum bimmeln. dann springt noch ein auslaender dazwischen rum, der das ganze spektakel mit ner kamera aufnimmt. bedenkt man, das die gleichen einheiten schon ein problem damit hatten, dass ich fotos gemacht habe, sind sie natuerlich dementsprechend begeistert, nun auf einem filmband zu sein, mit blume und einem anstecker einer palaestinensischen non-profit organisation. ich meine mal ganz im ernst, hier gibt es noch genuegend zivilpersonen, die mit einem gewehr oder revolver durch die gegend laufen, und wenn diese kontrolliert werden, von einer staatlichen autoritaet, muss diese natuerlich dementsprechend autoritaer aussehen, um die gunmen zu beeindrucken. und mit ner blume in der hand (ist zwar ne schoene geste) beeindruckt man keinen bewaffneten hamaskaempfer, seine waffe abzugeben und sein auto anzumelden, oder...?
die menschen hier, die illegal herum fahren, akzeptieren die regierung und ihre autoritaeren vertreter auf den strassen nicht. und sie sind keine gewoehnlichen kriminellen, sondern erprobte kaempfer der intifada. denen begegnet man nicht mit ner blume in der hand, und ueberzeugen kann man sie so auch nicht... und einer dieser checkpoints war ja dann auch ausloeser fuer die totenstille, im naechsten post beschrieben.
na jedenfalls war diese aktion auch bald beendet, die haelfte der blumen wurde wieder mit zurueck genommen, ich habe eine geschenkt bekommen und mein geld fuer 15 min filmmaterial von ungluecklichen special forces der pa.
jetzt koennte man sagen, die militaers freuen sich vielleicht ueber die anerkennung ihrer arbeit in der bevoelkerung. nur leider ist ihre arbeit nicht in der bevoelkerung anerkannt, selbst wir hatten waehrend dieser aktion ein paar probleme mit gruppen von leuten, die diese blumenschenkaktion nicht toll fanden. diese special forces machen diese kontrollen nicht fuer die bevoelkerung, sondern fuer ihren general, ihre oberste autoritaet und fuer ihre vorstellung von einem eigenen staat, in dem sie die regulaere armee bilden, was natuerlich einem grossteil der bevoelkerung nicht passt. sie wuenschen sich ein anderes system, eine andere armee (von einer anderen partei) und einen anderen praesidenten...
was diese special forces wollen ist nicht die anerkennung, nicht die blumen, sondern die blose legitimierte militaergewalt.





