die hamas hatte angekuendigt, eine grossdemo in gaza an der grenzanlage zu israel abzuhalten, man wolle bis zum erez-checkpoint, im norden des gazastreifens, vormarschieren; 40.000 menschen werden erwartet. erez ist ein grenzuebergang zwischen israel und gaza, natuerlich auch seit dem 12. juni von israel vollkommen dicht gemacht, mit ausnahme von ein paar auslaendern, diplomaten etc., kommt da keine maus mehr durch.
israel fuerchtete sich ganz enorm, dass ein aehnlicher grenzdurchbruch wie im januar zum sinai nun auch hier passieren koennte. es ruestete massiv an der gesamten grenze zu gaza auf.
am montag, dem 25.2., war es dann so weit. ein israelischer korrespondent der haaretz berichtet
(nur weil ich das hier veroeffentliche, heisst das nicht, ich wuerde das auch so schreiben, die ethik und meinung der autoren spiegelt keinesfalls die meinige wieder):
blutvergiessen in sderot, nicht in gaza
zwischen gaza und dem negev / am ende wurde das blut in sderot, nicht in gaza vergossen.
von amos harel und avi issacharoff
es haette keine ueberraschung sein duerfen, dass kurz nachdem die demonstration suedlich des eretz-uebergangs [nord-gaza, zu israel, anm.] aufgeloest war, kassam raketen auf sderot trafen. die kleine anzahl von demonstranten, die die organisatoren zusammentragen konnten, trafen nicht die erwartungen oder die vorbereitungsmassnahmen der israelischen sicherheitskraefte, und sicherlich auch nicht die der medien.
aber die fehlende story am erez wurde schnell durch die fuerchterlichen ereignisse in sderot ersetzt – und somit auch die berichterstattung: von der verzweifelten situation der kinder in gaza durch den wirtschaftlichen boykott unmittelbar hin zu dem leiden der kinder von sderot, nachdem eines von ihnen, yossi haimov, an seiner schulder von kassam raketen-splittern getroffen wurde. in interviews in palaestinensischen medien vom sonntag diskutierten die organisatoren des protestes ihre plaene, zehn tausende von gaza bewohnern auf die strassen zu bringen. am ende kamen nur ein paar tausend – die meisten waren lehrer – und tatsaechlich kamen nur ein paar hundert zum erez uebergang.
warum hat die hamas nicht die versprochenen massen zum protestieren an den grenzzaun zu israel gebracht? es gibt ein paar moegliche erklaerungen dafuer. es kann sein, wie einige palaestinensische journalisten in gaza argumentieren, dass die hamas gar nicht geplant hatte, eine grosse anzahl an demonstranten an den zaun zu bringen. die demo war nur eine von mehreren von der gruppe geplanten aktionen in den naechsten wochen, die darauf abzielen, die israelische besatzung des territoriums zu untergraben.
der fakt, dass das idf [israelisches militaer] und die polizei ihre truppen stark aufstockten, war ein erfolg fuer die palaestinenser. in zweierlei hinsicht: die medienaufmerksamkeit wird auf die schwierigkeiten der gazaner gelenkt, und in der gleichen zeit werden die israelischen sicherheitskraefte gebuendelt, indem tausende truppen und polizisten zusammen gezogen werden, um einen durchbruch zu verhindern, der nie kam. die palaestinenser wussten genau, dass zum zeitpunkt das idf sehr gut auf die bedrohung vorbereitet war, sie entschieden sich, keine wirkliche konfrontation am zaun zu verursachen.
und das ist der punkt, den das idf – aus ersichtlichen gruenden – gerne betont. „die andere seite [hamas]“, wie armee offiziere letzte nacht erklaerten, „hat verstanden, dass wir diesesmal ernst machen: wir sind gut vorbereitet und werden keine spielchen spielen. die wissen, dass wir alles noetige tun werden, um einen einfall in israelisches territorium zu verhindern, und sie waehlten, lieber nicht mit uns zu kollidieren.“
die selben quellen bemerkten auch, dass die palaestinensischen zivilisten nicht darueber erfreut seien, als kanonenfutter fuer die hamas propaganda zu dienen. die menschen stimmten mit ihren fuessen ab – und sie riskierten nicht, von scharfschuetzen in ihre beine getroffen zu werden, falls sie naeher an den zaun heran kaemen. vielleicht.
klar ist, dass der erfolg von solchen demonstrationen, zumindest teilweise, von dem ueberraschungsmoment abhaengt. wenn israel dafuer bereit ist, ist es viel schwerer irgend etwas zu erreichen. und man sollte auch nicht das schlechte wetter vergessen. der regen, der gestern auf gaza niederging, war sicherlich nicht dem enthusiasmus der demonstranten dienlich.
dennoch, man sollte den misserfolg der hamas nicht ueberbewerten. vielmehr kooperierte die hamas mit dem organisator, einem unabhaengigen parlamentarier, als das sie selbst die demo organisierte. die pr der hamas hat kaum anstalten gemacht, die massen zur demo zu bewegen. es ist moeglich, dass aus der sicht der hamas die fotos von schulkindern, die sich gegen die besatzung an den haenden halten, zu diesem zeitpunkt genug sind, besonders wenn am ende auch noch bilder von steinewerfenden jugendlichen am erez uebergang hinzu kommen. groessere aufmaersche werden aufgehoben, als munition fuer den spaeteren kampf.
in den letzten tagen hat die hamas eher auf einen anderen punkt abgezielt: gegen die fatah in der westbank. der tod von majd al-barghouti, ein hamas-imam [muslimischer wuerdentraeger], in einem gefaengniss der palaestinensischen autonomiebehoerden (pa), bescherte der hamas ein leichtes spiel, um die pa in den arabischen medien zu attackieren.
die sicherheitsorgane der pa wurden einmal mehr als kollaborateure mit israel und den usa dargestellt, die nicht vor folter und mord zurueck schrecken, nicht einmal, wenn es sich um einen religioesen wuerdentraeger handelt. die tausenden von palaestinensern, die am sonntag an der bererdigung des imam teilnahmen, machten offensichtlich, was die pa schwer versucht zu vergessen: die hamas ist noch populaer in der westbank.
aus israelischer sicht war der versprochene zusammenstoss am erez letztendlich laecherlich. dutzende von journalisten auf einem huegel suedlich von moshav nativ haasara, und jenseits von ihnen, am horizont, steigt rauch von brennenden reifen auf, die von palaestinensischen demonstranten entzuendet wurden. spaeter, jugendliche bewegten sich zum erez uebergang, steine werfend - equipment wird zerstoert. eine gruppe von demonstranten enterte den bereich [des grenzuebergangs], den normalerweise palaestinenser benutzen, um zu ihren jobs in israel zu gelangen. sicherheitskraefte blockierten beide seiten [ausgaenge des bereichs] und verhafteten die im inneren. einige wurden wenig spaeter wieder frei gelassen, als sich heraus stellte, dass sie noch kinder waren.
in dem aufruhr wurde ein idf offizier durch ein gummigeschoss, versehentlich von einem grenzpolizisten abgefeuert, leicht verletzt. das war eigentlich der hoehepunkt der auseinandersetzung.
die erschreckenden bilder wurden von den medien einige kilometer weiter oestlich geschossen, in sderot, und diese waren schockierend. eine fernsehkamera zeigte einen 10 jahre alten jungen, yossi haimov, an seiner schulter schwer verletzt, und daneben seine juengere schwester, die hoellenqualen aus sorge um ihn erlitt.
haben die bilder von sderot, live-bilder, eine militaer operation in gaza naeher gebracht? bis jetzt ist das die grosse frage. die antwort, zumindest jetzt, heisst nein, aber die anhaltende bedrohung fuer die [israelischen] kommunen am gazastreifen bringt eine grossangelegte operation naeher, auch wenn es nur sehr langsam vorangeht.
originaltext: http://www.haaretz.com/hasen/spages/957967.html, am 26.2.08
