der mann mit den gebrannten nuessen hatte die permission. er zog sie aus der innentasche seiner alten und zerrissenen jacke heraus und uebergab sie murrend. er sitzt hier immer und verkauft nuesse, fuer 2 shekel ne hand voll und fuer fuenf eine kleine tuete. er sitzt im schatten des grossen wellblechdaches der wartehalle von qualandia. qualandia ist kein bahnhof oder flughafen – obwohl, eigentlich wars mal ein flughafen, ein jordanischer, bis 1967. dann ein militaerischer israels und schliesslich und endlich grenzstreifen an der mauer, auf israelischer seite natuerlich. am ende der alten startbahn, hinterm stacheldrahtzaun, werden jetzt die autos und fussgaenger kontrolloiert, die von ramallah kommend nach jerusalem wollen, ost wie west. qualandia ist ein checkpoint, ein sehr moderner, mit einer komplett neuen grenzstation, letztes jahr feierlich eroeffnet. obwohl er jetzt ein „humanitaereres“ antlitz hat als der alte checkpoint mit all seinen scharfschuetzen, ist er immer noch zusaetzlich ein propagandainstrument und einschuechterungsbau der israelis. in seiner gewalt repraesentiert er die staerke des israelischen militaers und die staerke des willens zur erhaltung der absoluten kontrolle in diesem fleckchen erde.
und am eingang zu dem gewirr aus stahl, kameras, detektoren und drehtueren, sitzt der alte mann, verkauft seine geroessteten nuesse und zaubert den passierschein fuer meinen freund, nennen wir ihn aladin, hervor. und der trip kann beginnen.
halb zehn morgens passieren wir die letzte drehtuer gen westen: „elf uhr abends muss ich wieder drueben sein! jalla, lass uns den tag geniesen in tel aviv“, gab aladin den startschuss fuer einen tagesausflug ins nur 60 km entfernte finanz- und wirtschaftszentrum israels, tel aviv.
aladin ist ein grossgewachsener, breitschuldriger palaestinenser, 26, fuenf-tage-bart und –haar. seine kamertasche hatte er sich wie ein tourist ueber beide schultern gehaengt, sein einziges gepaeckstueck. und damit sah er auch durchaus wie ein tourist aus, vielleicht spanier. und trotzdem wurden wir von vielen israelis auf der strasse gemustert, beaeugt und auch kritisch begutachtet. ihre antennen, die araber empfangen, muessen gut geeicht sein.
mit aladin durch tel aviv und jerusalem, west, zu laufen, ist wie ein kleines abenteuer, in dem man meine position gut und gerne als der onkel bezeichnen koennte. vertraeumt, in alle richtungen gleichzeitig schauend, seine kameratasche baumelt und huepft auf dem kleinen bierbauch, seine arme darauf gestuetzt. mit jedem weg zufrieden, jeder ecke die wir passierten zufrieden und ueberhaupt haette die ganze welt hinter ihm wie ein kartenhaus in sich zusammenfallen koennen und aladin wuerde verschmitzt seines weges weiter gehen. einmal tief einatmen und geniesen, dass er da war, wo er gerade war. nach sechs jahren mal wieder und auf der suche nach alten, arabischen spuren im grossstadtgewimmel von tel aviv. am morgen, als wir noch durch jerusalem stapften, uebrigens zu fuss, was ein palaestinenser eigentlich nicht tut, traeumte er noch von der see, wir muessten erst noch badehosen kaufen – strand. badehosen gabs keine, wir hatten ja schliesslich auch noch einen termin, ein meeting, dafuer hat er auch seine permission bekommen. den strand erreichten wir erst abends, halb acht, die sonne war schon rot und hinter dem meer verschwunden. man konnte ihre kraft nur noch am horizont bewundern, der dottergelb aufstieg und ins dunkelrote in den himmel eindrang.
der spaete strandbesuch wurde auf dem weg durch israel, das fruehere arabische land, in dem aladins eltern aufgewachsen sind, immer unwichtiger. und doch genoss er es, am abend im warmen sand zu sitzen, seine mueden fuesse (und wir sind viel gelaufen...) in die tieferen, noch feuchten regionen zu bohren, das bier im frischen wind die kehle runter fliessen zu lassen und am strand zu rauchen. und doch wurde, je spaeter der abend, aladin immer unruhiger. 60 km koennen eine ganz schoene entfernung sein, wenn man drei verschiedene servicetaxis dafuer in anspruch nehmen muss und durch das naechtlich jerusalem laufen muss.
60 km bis hinter die mauer, wo sein auto, sogar mit yellow blades, also in israel gekauft, von ihm, steht. fuer dieses haette es eine extra permission gebraucht, extra zeit, extra anruf und extra geld. die rueckfahrt war ruhig. das fast durchgaengig bebaute land zog in seinem orangenen licht der strassenlaternen an uns vorbei, bis wir in die judaeischen berge kamen, hoch, zurueck nach al-quds, in den osten. aladin war wieder zu hause. schoener ausflug, aber nicht mehr seine heimat, da drueben, in israel, wo dich busfahrer und passanten ignorieren, einfach nicht reagieren, wo rassismus in den gesichtern einiger eingemeiselt ist, wo alles aus modernem jerusalem-stein, west, gemauert ist, arabische haeuser nur noch zu erahnen oder „besetzt“ sind.
